Sozialphobie, Elfen, Dienstleister, Eva-Prinzip, D&G, Präsentismus, Fasching (in nicht kongruenter Reihenfolge)

(Text von Sonntagabend ohne Online-Zugang)
Sind im sozialen Bereich tätige Menschen Sozialphobiker?
Die Frage stellte ich mir heute, als ich nach einer längeren Phase des Schreibens, Fertigstellens und Vermarktens wieder unter Menschen kam – also richtig unter Menschen kam, nämlich beim Nürnberger Faschingsumzug. Es bereitete mir keine Probleme, mit ihnen Jacken- und Jeckenkontakt zu haben, und auch sonst fand ich es ganz nett. Zwar war ich weder geschminkt noch kostümiert, dafür hatte unsere Tochter einen Riesenspaß und konnte – trotz schnapptechnisch bevorteilter Erwachsener – die ansehliche Zahl von immerhin 42 Bonbons, eine eingeschweißten Packung Würstchen und diverse Tüten mit Bonbons, Popcorn, Gummibären etc. ergattern. Zu Hause war sie natürlich tief enttäuscht, dass sie sich nicht gleich alle 42 Bonbons in den Rachen stopfen durfte – aber gut, das kenne ich noch aus meiner Kinderzeit. 🙂

Während meines Ausfluges in der normalen Welt stellte ich fest, dass entweder
a) alle um mich herum neurotisch geworden sind, oder
b) dass dieses Merkmal auf sich zutrifft.

Es begann damit, dass mir die Musik, die von den Faschingswagen schallte, schlicht zu laut war. Dazu sei gesagt, dass ich mich zur Grippegemeinde bekenne, die diesem Laster mit Hals-, Ohren- und ob des exzessiven Gebrauchs von Taschentüchern auch mit Nasenschmerzen frönt. Nach 45 Minuten Beschallung beschlossen wir, vom Start des Faschingsumzuges am Nürnberger Stadtpark Richtung Rathenauplatz auszuweichen, wo es keine Häuser gab, die den Schall fröhlich blockten und somit verstärkten. (Wenn das so weitergeht, werde ich noch Profi-Akustikerin!). Damals, am schönen Niederrhein, genauer in Wesel, wo ich Kindheit und Jugend zu verbringen pflegte, machte mir das alles nichts aus. Liegt es daran,
a) dass ich damals jünger war? Oder
b) dass die Weseler ob des typisch niederrheinischen Naturells leiser waren? Oder war ich
c) durch die nahen Karnevalshochburgen Düsseldorf und Köln, deren Heiterkeit regelmäßig auch zu uns schwappte, so abgehärtet, dass ich es einfach nicht mehr mitbekam?

(So, jetzt wissen alle, wo ich herkomme. Und: Ja, Franken ist eine nordrhein-westfälische Kolonie!)

Nein, versucht nicht, es zu beantworten, ich habe es mir auch verkniffen. Trotzdem hat´s Spaß gemacht, nach Bonbons zu jagen, sich mit Krapfen (bei uns hießen die Berliner) vollschmieren zu lassen und einfach mal NICHT zu arbeiten. Jawoll. Da gehört das einfach dazu.

Ein feiernder Mensch hat irgendwann Hunger, und so beschlossen wir, uns in einem Etablissement niederzulassen, das Pizzen unters Volk bringt. Dafür bietet sich in Nürnberg geradezu das Restaurant in der Königsstraße an, das auf der linken Seite liegt, wenn man aus der Bahnhofsunterführung kommt. (Ich höre euch schon alle googeln…)
Gastro & Co. – alle meckern, und jetzt muss ich das auch mal tun, auch wenn es mich schmerzt, ehemalige Kollegen abzuurteilen. Ja, auch ich startete meine berufliche Karriere in der Gastronomie, landete schließlich an der harten Front des Einzelhandels (habe Brot & Brötchen verkauft), bevor ich mich in andere Bereiche wagte, und weiß bis ins Detail, was man als Verkäufer und Dienstleister erlebt, und wie man sich manchmal fühlt, nämlich wie der letzte Mensch. Vielleicht würde ich auch noch mal zurückkehren, wenn gar nix mehr geht, klar, warum nicht? Ist eine nette Sache, stressig, aber machbar. Nur was mich daran stört – und nehmt das jetzt als konstruktive Kritik, Freunde – sind die vielen halbgaren, halbfreundlichen, halbaufmerksamen „Dienstleister“ in dieser Branche. Ich weiß, wie es zugehen kann, wenn es „kracht“, wenn am Samstagabend alle besoffen aus Kneipe & Disco kommen, wenn am Sonntag die vielen lieben Familien mit unzähligen Kindern anrücken (net vergesse, ich hab auch ein Kind), und wie einem der Schweiß auf der Stirn steht, wenn man noch vom Chef einen Tritt kriegt und trotzdem wieder rausgeht. Weiß ich alles. War mir eine gute Lehre, sowohl in der Systemgastronomie, als auch als Verkäuferin.
Aber – und das sage ich mit Nachdruck – wir haben gelächelt. Wir waren freundlich. Wir haben alles gegeben, haben manchmal zweimal die Klamotten getauscht, wenn´s sein musste – und sind nach den 8 oder mehr Stunden völlig fertig und unendlich stolz nach Hause gewankt, weil wir uns nicht haben unterkriegen lassen, weil das Trinkgeld wirklich HART erarbeitet war, weil man einfach ein Team war. Ja!
Ich will hier nix beschönigen. Wer kann, suche sich einen anderen Job, wie ich das gemacht habe, als ich merkte, dass ich nicht mehr mit Leib und Seele dabei war. Und ich glaube, das ist es, was diesen Sektor immer unattraktiver werden lässt: Die Seele fehlt. Die Studentin, die sich damit ihr Studium erarbeitet, wird sich niemals so reinhängen wie jemand, der damit seinen Lebensunterhalt verdient, ist mir klar. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass selbst die Studenten früher mit mehr Begeisterung dabei waren. Verträge werden mit Tinte, nicht mit Blut unterschrieben, ist mir auch klar. Aber – kann man wirklich alles nur noch als „Job“ sehen? Etwas, das man mitschleppt, als Mittel zum Zweck? Soll jedem überlassen sein, wie er das sieht. Nur merkt das der Gast irgendwann, und jetzt komm ich wieder auf die Soziophobie: Je unpersönlicher das alles läuft, desto weniger Spaß macht es beiden Seiten.
Konkret: Ich hab nix dagegen, dass was schief läuft, wenn viel los ist. Es ist mir aber jetzt schon so oft passiert, dass in verschiedenen Restaurants, Kneipen, was auch immer, zu verschiedenen Zeiten und Tagen, Teile der Bestellung einfach nicht kamen, weil sie „vergessen“ wurden. Und da gibt es auch wieder mehrere Möglichkeiten! Liegt es daran,
a) dass ich Kacke anner Hacke habe?
b) dass, wie schon gesagt, die Seele fehlt?
c) dass das Personal nur noch als „durchlaufender Posten“ nicht mehr richtig eingearbeitet wird – eine weitere Randerscheinung der Globalisierung?

Und dann auch das mit dem Lächeln. Keine Zahnpastawerbung, not really! Aber bitte bitte bitte, ihr Schichtführer, Restaurantleiter, Trainees, Crewmembers, Crewteachers und wie ihr alle heißt: Vergesst das Herz nicht! Wenn ihr die Begeisterung, die ihr vielleicht für euren Job noch hegt, nicht rüberbringen könnt, produziert ihr gastronomischen Ausschuss, der die Gäste zu Konsumenten macht, die mal eben in den nächsten Imbiss gehen, wie man sich eine Tüte Chips reinzieht, nämlich nebenbei. Das ist auf die Dauer auch nix – Oberflächlichkeit, das harsche Wort in unserer ach so „authentischen“ Welt.
(Wird allmählich heavy für einen Sonntagabend. Wo ist das „Wort zum Sonntag“?!)
Und wenn ihr´s wirklich nicht mehr bringen wollt – Gründe gibbet ja genuch – dann seht zu, dass ihr Karriere macht und weiterkommt, oder wechselt das Fach. Ist ja auch wieder möglich, seit des der Wirtschaft besser geht, also bitte jetzt keine Diskussion von wegen „Angst um den Arbeitsplatz“. Das kann ich nämlich auch nicht mehr glauben, wenn ich sehe, wie sich manche durchschlurfen. Jawoll.
Und von wegen „Maßnahmen gegen die immer frecher werdende Kundschaft“ – wenn der Gast meckert, meckere ich zurück. Hahaaa! Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, oder? Klar, mit diesem Blog wird sich das nicht ändern. Aber ich bewege mich damit einen Schritt weg von dem Begriff, der auch mit „Gastro“ beginnt, nämlich
Gastroentitis und das werde ich nämlich bekommen, wenn ich irgendwann noch mal mit der gleichen Unhöflichkeit und Vergesslichkeit in dem Haus der Pizza auf der linken Seite der Königsstraße in Nürnberg behandelt werde. Lieber esse ich 50 m weiter bei der Konkurrenz des weltweit größten Burgerherstellers (bitte googeln Sie jetzt)!

Aber auch für die Kunden habe ich noch ein Schmankerl – aus meiner Zeit als Backwarenverkäuferin.
Ein anspruchsvoller Kunde – ich glaube, so drücke ich es am höflichsten aus – wollte über alles informiert werden, was sich in den zum Verkauf ausgelegten Broten befand. Ich ratterte runter, was ich wusste, holte die Produktmappe, las sie ihm daraus vor (!), bot sogar an, eine Broschüre von der Zentrale anzufordern. Zog alle Register, damit er endlich kaufte und ging. Was er wohl merkte, denn er sagte nach dem Bezahlen grinsend: „So, jetzt sind Sie erlöst!“
Dummerweise hatte ich es noch nicht so mit dem Schweigen (war erst 23), und ließ mich zu dem Satz hinreißen: „Na ja, was soll´s, der Kunde ist König.“
Und er, in seiner Eigenschaft als anspruchsvoller Kunde, entgegnete darauf: „Seien Sie froh, dass Sie nicht in China sind, dort ist der Kunde Kaiser!“
(Zwei Tage später reichte ich meine Kündigung ein und startete drei Wochen danach als Bürokauffrau bei einer Zeitarbeitsfirma – ein weiteres Kapitel zum Thema „Dienstleister“ ;o)

Nach dem Besuch in jenem Restaurant schlenderten wir noch durch die Bahnhofsbuchhandlungen. Was es nicht alles gibt: Seit der Herr-der-Ringe-Welle ist die Welt der Elben, Geister, Zauberer, Goblins und Hobbits nicht mehr wegzudenken. Ihr stutzt? Dann kommt hier mein Beitrag zur Allgemeinbildung:
Ursprünglich hießen sie Elben, die Elfen, abgeleitet von Alp (bekannt von Alptraum). Aber ein findiger Übersetzer machte einen Fehler und verwandelte die deutschen Elben in Elfen (aus dem Englischen elf), und damit war die Kiste total verratzt. Wusstet ihr, dass Elfen-Elben früher böse waren? Bis J.R.R. Tolkien uns besagten HdR-Zyklus bescherte? Nein? Dann wisst ihr es jetzt. – – – Um so lustiger finde ich, wie alle auf diese Marketingstrategie abfahren. Ja, auch ich liebe Fantasy, lasse mitunter meine Klienten solche Geschichten erzählen und schreiben. Sie tun gut, diese Märchen, aber dazu mal an anderer Stelle mehr. Aber es ist wie bei der „stillen Post“ – man weiß nie, was am Ende rauskommt.

Und was sahen meine grippestumpfen Augen noch in dieser herrlich großen Nürnberger Bahnhofsbuchhandlung? Den Reformtext der Gegenpäpstin zu Eva Hermann! Ja! Es gibt sie, die Antwort auf den dümmsten Frauen-zurück-an-den-Herd-Text, den unsere „zivilisierte“ Welt jemals hervorgebracht hat! (Blöd, dass ich es nicht geschafft habe, ihn zu schreiben.) Und noch blöder, dass ich mir weder Verfasserin noch Titel gemerkt habe. Aber diese Dame raucht auf dem Cover Zigarre, bekennt sich auf dem Buchrücken zur Single-Elternschaft und teilt kräftig aus. Leider fuhr unser Zug, sonst hätte ich es mir gekauft. (Und leider warten zu Hause noch 5 Bücher à mindestens 300 Seiten auf mich, die ich bis Ende Februar gelesen haben muss – Fachliteratur, ihr versteht.) Möchte es jemand für mich lesen und mir eine Zusammenfassung schicken?

Letzter Punkt zur Sozialphobie & und ihre Auswirkungen. Auf dem Gleis kam uns ein schnieker junger Mann mit einer schwarzen Jacke entgegen. Auf dieser Jacke prangten die Buchstaben „D & G“. Ich überlegte. Bedeutete diese Abkürzung
a) Dumm & Gemein, oder
b) Dolce & Gabbana
c) Dämlich & Geldgierig?

B ist natürlich richtig. Trotzdem. Wenn man mit seinem Firmenlogo derart Kohle machen kann, obwohl die Klamotten nach nix aussehen – steinigt mich von mir aus, verweigert auch weiterhin das Abo meines Blogs, aber das musste ich mal sagen. Modemäßig sehen wir einfach lächerlich aus, wir Europäer.

Und zum guten Schluss noch ein Unwort: Präsentismus. Bezieht sich auf die Anwesenheit am Arbeitsplatz, selbst wenn man schon den Sarg im Kofferraum spazieren fährt. Leute, machen wir uns nicht ein bisschen zuviel Sorgen um die da oben – in den Aufsichtsräten? Isses nicht umgekehrt so, dass sie ohne uns auch nichts anfangen können – wenn wir als Arbeitnehmer & Konsumenten ausfallen, gibbet auch keine Millionenabfindungen.

Lasst euch das mal durch den Kopf gehen.

In diesem Sinne – einen schönen Montag.

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