Stammbäume: Der Erste Weltkrieg …

… ist schon lange her und längst vorbei. Aber sein Ende jährt sich dieses Jahr zum 90. Mal. Eigentlich bin ich ja kein Fan des Wir-kochen-alles-immer-wieder-auf, aber in diesem Fall
a) interessiert es mich persönlich
b) bin ich dafür, einfach mal vor Augen zu führen, dass es sehr wohl Auswirkungen auf Kinder und Enkel hat, wenn Vater oder Mutter im Krieg waren, egal ob als Soldat, Kind oder wie auch immer.

Die Idee, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, hatte schon meine Schwester, die in jahrelanger Arbeit die Stammbäume meiner Eltern rekonstruierte. Viele interessante Sachen kamen dabei heraus; u. a. konnte man da auch die totgeborenen Kinder finden, die „Verstoßenen“, die sich gegen die Familiengesetze gewandt hatten, wer wen geheiratet hatte usw. Mir half es insoweit, als dass ich ob der Fülle an Verwandten endlich wusste, wer wohin gehört, und das nicht nur, weil bei uns jede zweite Frau Agnes oder Maria heißt.

Zudem waren da auch interssante „Wanderungen“ nachzuvollziehen. Meine Vorfahren väterlicherseits stammen aus Österreich, sind nach Rumänien ausgewandert und heißen jetzt Banater Berglanddeutsche; die mütterliche Seite kam aus Flandern und wurde zu Siebenbürgern. (Nein, ich habe keine Vampirzähne …). Dass jetzt alle wieder zurückgekommen sind, liegt wohl am Lauf der Geschichte, der Politik und, hm, ja, vielleicht auch daran, dass es mal wieder Zeit war, sich gut zu „durchmischen“.

Zurück zum Anfang: Zufällig fand ich in einem Forum einen Eintrag über die väterlichen Tagebücher eines Mannes aus Österreich, der seit geraumer Zeit einen Verlag suchte. Kann man mit Familiengeschichten Geld verdienen, wenn es nicht um die Buddenbrocks geht? – Weiß ich nicht und interessiert mich hier auch nicht in erster Linie, denn das Besondere daran ist, dass der Vater des Autoren ein sog. Gebirgsjäger war und aktiv am Ersten Weltkrieg teilgenommen hat. Mein Vater, auch schon älter, wurde nach Ende des zweiten Weltkrieges in ein russisches Arbeitslager deportiert und kam nach fünf Jahren wieder nach Hause. In beiden Fällen ist es ein Wunder, dass beide überlebt haben – der eine an der Kriegsfront, der andere an der „Nachkriegsfront“.

Auch wenn man sich nicht mit dem Familienstellen beschäftigt, kann man sich in etwa vorstellen, was mit diesen Kriegsheimkehrern geschehen war. Salopp ausgedrückt: Traumatisiert, desillusioniert, teilweise zerbrochen gingen sie in ihre neuen, selbstgegründeten Familien und wollten „normal“ sein. Allerdings – und das ist das Tragische – ist die „Normalität“ oft nicht mehr annehmbar. Diese Schutzmechanismen, die man sich während der Kriegszeit bzw. traumatisierenden Zeit angewöhnt hat, legt man nicht mehr so schnell ab, denn es könnte ja wieder passieren.

Und was ist mit den Kindern? – Die lernen von ihren heimgekehrten Müttern und Vätern. Was dabei herauskommt, kann man an der letzten und auch der jüngsten Generation Erwachsener sehen. Das Interesse an Kriegen ist ungebrochen, weil es ja auch immer noch genug davon gibt. Ebenso wurden diese „Schutzmechanismen wider die Traumatisierung“ weitergereicht. Ängste, Lasten, Wünsche, unverarbeitete Wut und Hilflosigkeit – jeder Nicht-Psychologe weiß, wie schnell man etwas annehmen kann, das einem nicht wirklich „gehört“, dass man für jemanden, der einem nahesteht, Probleme lösen will, Stichwort „Helfersyndrom“. All das kann man im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Krieges ansehen.

Was hat das jetzt alles mit mir zu tun? – Nun, vielleicht nur soviel, dass ich verstehen möchte, was damals, ob vor 90 oder 63 Jahren, wirklich mit den Menschen geschehen ist, und was aus den Kindern der Heimkehrer, also auch mir, wurde. Ich rede nicht von Prävention, denn dazu gehören noch viel mehr Dinge, als man alleine bewirken kann – das ist Politik, die von allen „gemacht“ wird. Aber oft genug habe ich das Gefühl – auch in Beratungen – dass dieser Geist der Weltkriege auch noch heute bei den Enkeln spürbar ist. Vielleicht kann man sogar den „Kalten Krieg“ einbeziehen? Der liegt ja noch gar nicht so lange zurück, gerade mal 19 Jahre.

Um noch mal auf den österreichischen Autor zurückzukommen: Er verarbeitet mit der Veröffentlichung auch sehr viel, und schon deshalb lohnt es sich, sich mit der Geschichte seines Vaters zu befassen. Wer weiß, wer daraus noch Nutzen / Erkenntnisse / Einsichten beziehen kann.

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