09.11.1989

Wenn man mich ganz schnell zum Heulen bringen will, muss man mir nur einen Countdown vorlegen – nämlich den der DDR ab dem 06.11.1989. Darüber fließen bei mir nach 19 Jahren immer noch Freudentränen, auch wenn ich meinem Erdkundelehrer am 10.11.1989 eine eher schwache Antwort auf die Frage gab: „Michaela, was ist gestern passiert?“
Es war die erste Stunde, ich war müde und hatte sowieso keinen Bock, deshalb ist mir das eigentlich nur so rausgerutscht: „In China ist ein Sack Reis umgefallen.“ Aber die Antwort war falsch, Schluss, aus, und der Zitatenschatz der Klasse war um einen Lacher reicher.

Inzwischen ist die Euphorie abgeflaut, was ich sehr schade finde, denn diese Aufbruchstimmung hatte was. Schon ein paar Tage später standen plötzlich Trabbis vor unserer Haustür, seltsam sprechende Menschen fragten nach dem Weg nach Holland, und „Deutsch“ war plötzlich „deutsch-deutsch“ – oder andersrum? – Egal, etwas hatte sich verändert, und das war einfach nur cool.
Übrigens bin ich bei der Recherche über diese Seite gestolpert:

http://geschichtsverein-koengen.de/DtEinheitTeil1.htm

Und konnte das hier lesen:

* Am frühen Abend des 9. November verkündet Günter Schabowski, der Sprecher des SED, auf einer Pressekonferenz eher beiläufig, dass die DDR ihre Grenzen geöffnet habe. (Dass es sich bei dem Text um eine Vorlage der Regierung und nicht um einen gültigen Beschluss handelte, war ihm, wie er heute erklärt, nicht bekannt.)

Entsprechend groß war die Aufregung. „Bedeutet dies“, fragte ein Reporter, „dass jeder DDR-Bürger jetzt frei in den Westen reisen kann?“ Schabowski zitierte darauf aus dem Text, dass Anträge auf Reisen ins Ausland ohne Vorbedingungen gestellt werden könnten, dass jeder DDR-Bürger ab dem kommenden Morgen um 8 Uhr ein Visum erhalten könne und dass die Behörden angewiesen seien, Pässe und Visa „schnell und unbürokratisch“ auszustellen. Die Regelung trete „sofort“ in Kraft.

Die Maueröffnung war also ein Versehen? – Also, wenn ihr mich fragt, könnte es davon mehr geben. Was auch immer danach passierte, das Ereignis an sich war einfach gigantisch. Einfach mal so den Warschauer Pakt sprengen. Grenzen versetzen. So tun, als ob man sich wirklich mag.
Der spannendste Beruf Anfang der 90er soll übrigens der des Kartographen gewesen sein, weil man morgens nicht wusste, welche Grenze abends fallen würde.

Und wenn jetzt wieder die Triefnasen mit ihrem „Dunkeldeutschland“ und „Grenze hoch!“ kommen: Lasst stecken, Leute. Leichter kann man keinen Frieden machen. Wird Zeit, dass der Rest der Nation das kapiert und mit dem Gejammer aufhört, das uns weder steht noch angebracht ist. Denn welche Generation kann ihren Enkeln noch erzählen, dass sie dabei waren, als die Mauer gefallen ist? – Und das ist doch viel toller als all die Kriege, die erlitten wurden, um uns den Mauerfall zu bescheren. Quasi das maximale Ergebnis einer schier endlosen Odyssee …

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