Schnürsenkel & Schuhe

Ich lebe noch! Jaaaa!!! Und das Thema, dem ich mich widme, ist nicht mal halb so trivial, wie es sich anhört. Denn inzwischen gehöre ich zu denjenigen, die auf der Suche nach Schuhen MIT Schnürsenkeln ganze Innenstädte umkrempeln.

Wer erinnert sich nicht an die trägen ersten Stunden der Jugend, in denen man versuchte, halbwegs normal durch die Gegend zu laufen? Eine der schwierigsten Übungen scheint nach den heutigen Erlebnissen das Binden der Schuhe gewesen zu sein. Wenn nur ein Bruchteil dessen stimmt, was ich heute von Schuhhändlern gehört habe, kamen wir als Halbwüchsige ständig zu spät zum Unterricht, banden uns die Finger mithifle der Baumwollschnüre zusammen, die unsere Schuhe an unseren Füßen befestigen sollten, schnürten uns wichtige Gliedmaßen ab und waren überhaupt ganz seltsame Typen, weil das Schuhebinden so viel Zeit verschlungen hat und wir uns mit dieser ach so komplizierten Aufgabe überhaupt befassten.
Doch zum Glück kamen irgendwann die Klettverschlüsse auf. Rein in den Schuh – schlapp! – und los geht´s heute. Einfach so. Ohne sich auch nur einen Deut anzustrengen. Herrliche Zeiten!

Doch wenn ich heute an mir hinunterblicke, finde ich nicht nur das eine oder ander Pölsterchen an mir, sondern kann auch noch ganz leicht meine voll funktionsfähigen Füße sehen. Keine blutigen Striemen, keine Verstümmelungen. Obwohl ich die meiste Zeit meines Lebens Schnürsenkelschuhe mit breiten Sohlen getragen habe. Und ich habe es auch geschafft – und jetzt haltet euch fest – dem Unterricht überwiegend pünktlich beizuwohnen (vom freiwilligen Schwänzen in der Oberstufe mal abgesehen). Wie gesagt, TROTZ Schuhen mit Schnürsenkeln. Wie der Rest der schuhetragenden Welt übrigens auch.

Heute sieht es, wie schon angedeutet, anders aus. Man hat sich in den letzten 10 Jahren vermehrt – nicht nur gemessen an der Masse, sondern auch zahlenmäßig, hat also Nachwuchs produziert -, und rattert nun mit diesem Nachwuchs durch die Stadt. Das Schleifebinden wurde im Kindergarten heftig geübt und jeder geglückte Versuch frenetisch bejubelt. Ist ja auch schwer, wenn die kleinen Patschefinger Knoten und Schlingen in die richtige Reihenfolge bringen sollen und das ganze auch noch schön auszusehen hat. Zu Hause werden alle erreichbaren Fäden, Kordeln, Tücher, manchmal sogar das Klopapier in schleifenähnliche Gebilde verwandelt, was man teils gequält, teils freudig beobachtet, zeugt es doch von wachsender Selbstständigkeit und beginnender Feinmotorik. Was liegt da näher, als in den nächsten Schuhladen zu hasten und dort Treter zu erstehen, die sowohl die Füße schützen als auch die Schleifenbindefähigkeit unterstützen? Man ist ja schließlich eine gute Mutter!

Aber spätestens jetzt wird das Erlebnis bitter. Denn nicht nur die Verkäufer sind ratlos: „Ach, Turnschuhe mit Schnürsenkeln? Die mit Klettverschluss sind doch auch gut. – Na ja, dann nehmen Sie eben Fußballschuhe für die Halle“, sondern ich zweifle allmählich auch an mir. Gehöre ich denn zu den Sonderlingen wie die beiden einsamen anderen Mütter, denen ich bei meinen Entdeckungsreisen der Schuhwelt begegne? Muss ich zukünftig auch von Pontius nach Pilatus laufen wie Mutter A, der die Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben stand, niemals den Laden mit Klett zu verlassen? Werde ich meiner bitterlich weinenden Tochter erklären müssen, dass sie doch bitte auf Klett umsteigen soll, wenn mit wachsenden Füßen keine Schnürschuhe mehr vorhanden sind wie Mutter B?
Und muss ich ein Seminar „Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg“ absolvieren, um bei dem Blödsinn, der künftig von Händlern verzapft wird, nicht aus der Haut zu fahren?
„Eltern verlangen nur noch Klettverschlüsse.“ (Seit wann wird produziert, was wir brauchen?!)
„Schleifebinden ist doch auch so kompliziert.“ (Demnach sind wir alle mit einer zweifelhaften Feinmotorik gesegnet.)
„Der zeitliche Aufwand hat sich wahnsinnig verkürzt.“ (Habt ihr schon mal ein Kind gesehen, dass sich Schuhe mit Klett OHNE zu trödeln anzieht?!)
„Die Unfallgefahr mit Schnürsenkeln ist wesentlich höher als mit Klettverschlüssen.“ (Stimmt. Ich hab mindestens 5 Zehen eingebüßt.)
„Den Eltern ist es zu kompliziert, ihren Kindern das Schleifebinden beizubringen, seit man es im Kindergarten nicht mehr lernt.“ (Da hat wohl jemand seine Kinder nicht in den KiGa gebracht?!)

Das alles erinnert mich an die Anti-Klopapier-Kampagne in der DDR, wonach Klopapier angeblich Darmkrebs erzeugt. Aber dazu unten mehr – zur Kompliziertheit!)

Was ist nun so wichtig an der Schleife außer dem Erfolgserlebnis?
– Zunächst das Erlebnis als solches. Man hat ein ziemlich kompliziertes Ding hinbekommen, das noch vor 20 Jahren überall dort auftauchte, wo etwas fein säuberlich verbunden werden sollte. Klettverschluss in den Roaring Twenties – Josephine Bakers Bananentanz hätte ganz anders ausgesehen.

– Dann ist es tatsächlich eine Übung für die Finger. Nein, ich meine nicht die Mogelschleifen, bei der einfach zwei Schlingen miteinander verknotet werden, sondern tatsächlich diesen Knoten mit dem „Sonderknoten“ oben drauf: Wie viele Gehirnareale werden benötigt? Was muss man sich alles merken? Und überhaupt, wenn heutzutage nicht mal mehr der Handarbeitsunterricht regelmäßig stattfindet? Und vor allem: Wieviele Lehrpläne könnte man ob dieser nebenbei erworbenen Fähigkeiten entrümpeln?!

– Vor allem kann man sich aber mal Gedanken machen, wie viel Zeit in diese Aufgabe gesteckt wird – von der erzieherischen Seite. Es ist ein Trugschluss, dass im Kindergarten das Schleifebinden nicht mehr vermittelt wird (jedenfalls in den Kindergärten, die ich kenne). Da werden tagelang Bänder geschlungen. Eine einmal erlernte Fähigkeit muss aber wiederholt und geübt werden – was Aufgabe der Eltern wäre. Ich höre schon die Stimmen: Watt! Für so´n Kram soll ich mir Zeit nehmen? – Stand irgendwo im Elternvertrag, den man bei der Geburt unterschrieben hat, dass die Schleifen nicht dazugehören? Und wer sich einen Plasmabildschirm kaufen kann, sollte doch auch mal fünf Minuten fürs Schuhwerk seiner Kinder haben, oder? Wie für viele andere Aktivitäten auch.

Auch bekam ich heute oft zu hören, dass die Eltern Klettverschlüsse verlangen und sie deshalb produziert werden. Meine eigene Erfahrung als Produzentin ist jedoch, dass es inzwischen genau andersherum läuft:
Man weckt Bedürfnisse durch spezielle Produkte. Wenn der Kunde diese Produkte mit einer bestimmten Lebensqualität verbindet, wird das Produkt auch angenommen. Und dieses Prinzip vermute ich hier. Denn vor ein paar Jahren noch wurden eifrig Kinderschuhe von Müttern auf Spielplätzen gebunden und der Satz gemurmelt: „Wenn du deine Schuhe selbst binden kannst …“ Dann wurde das Angebot an Klett-Schuhen so groß, dass man wählen konnte – und sich wahrscheinlich sehr menschlich für die bequemere Variante entschied. Pech für die Schnürsenkelfraktion, denn seitdem wurde weitgehend nur noch Klett produziert.
Aber halten Klettverschlüsse wirklich so gut wie Schnürsenkel? Hochleistungstreter wie Fußballschuhe habe ich noch nie mit Klett gesehen. Sie würden bei der hohen Belastung wahrscheinlich einfach aufgehen. Auch Boxstiefel oder Handballschuhe werden meines Wissens nach nicht geklettet, sondern gebunden. Und jetzt stellen wir uns mal vor, was in 20 Jahren passieren könnte:

Durch Dauerbeeinflussung und Lebensvereinfachung – nennen wir es „Easysierung“ – haben wir die Hürden soweit gesenkt, dass wir so viele Ingenieure haben wie nie zuvor. Zwar fallen hin und wieder Häuser um und Brücken ins Wasser, aber das ist egal, solange morgens der Sneakerservice kommt, weil der Ingenieur sich die Schuhe nicht mehr binden kann … Und ich will gar nicht wissen, was noch alles vereinfacht wird, bis man gar nichts mehr selbst machen kann, ohne dass man es merkt.

Wehret den Anfängen! Zieht durch die Städte und verlangt Schnürsenkel! Zwingt eure Kinder dazu, trotzdem pünktlich in der Schule zu sein! Und vor allem: Lasst euch nicht alles gefallen, was die Konzerne uns weismachen wollen. Mit Schnürsenkeln fängt´s an, ich will gar nicht wissen, wo das endet!

Übrigens: Bei Pontius & Pilatus handelt es sich mitnichten um Schuh-Großhandelsketten.

Salü!

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