Die Versuchung „großer“ Namen

Manchmal wird man ja in Versuchung geführt und spricht über die, an die man nie rankommt – die Großen. Die Berühmten. Die Unerreichten, die jeder der westlichen Hemisphäre kennt. Ein guter Zeitpunkt für die Unwiderstehlichkeit des fremden Ruhms ist der Samstag, 22.00 Uhr, der „Diwan“ auf Bayern 2 im Radio.

Letztens war wieder so ein Abend über die Großen, mit denen man in der Schule gequält wird – und bei denen man sich später fragt, warum man sie so schlimm fand, weil sie sich mit einer gewissen Lebenserfahrung richtig gut lesen lassen. Beim Anhören des „Diwans“ jedoch beschlich mich plötzlich ein komisches Gefühl. Da referierte ein Autor, der sicher jahrelang in seinem Zimmer gesessen und nachgedacht hatte, über Max Frisch, über seine Einsichten, die neuen Facetten in seinen Werken und so weiter. Homo Faber also noch mal aus einem anderen Blickwinkel.

Der nächste Beitrag trug nicht unbedingt zur Aufklärung dieses Gefühls bei, beschäftigte sich aber mit Susan Sontag. Ihr Sohn hatte sich ihre Tagebücher vorgenommen und sie nur soweit bearbeitet, dass die wirklich „harten“ privaten Fakten außen vor blieben. Der Leser konnte aber auch mit dem Rest des Textes nur schwer etwas anfangen, weil Fußnoten fehlten, zusätzliche Erklärungen der Hintergründe, Blitzlichter – sagte der Rezensent. Bei dem Gedanken fragte ich mich, ob ich zukünftig in meine Tagebucheintragungen Fußnoten für die Nachwelt eintragen sollte, damit man sie versteht, falls ich mal berühmt werde …? Vielleicht ist es aber auch ganz gut so, wenn sie nicht vorhanden sind, denn ein Tagebuch ist ja durch udn durch privat – und auch die richtig „Großen“ haben das Recht auf Privatsphäre.

Als die Sprache auf Thomas Mann kam, fragte ich mich allmählich, warum die Tagebücher der „Großen“ eigentlich so interessant sind. Natürlich ist es nett zu wissen, wie ein Sidney Sheldon sich erst nach Hollywood und dann in die Buchhandlungen schrieb. Wer möchte nicht informiert sein über die Neuröschen eines Dieter Bohlen, und wer hört schon weg, wenn das Millionste Geheimnis Marilyn Monroes gelüftet wird? Eins haben jedoch all diese Biographien bzw. Tagebücher gemeinsam. Sie berichten über Menschen, die sich von der Masse abheben und einen Teil des Lebens erkunden, den der Normalsterbliche wahrscheinlich nicht erreichen wird (wär ja sonst auch langweilig). Gleichzeitig wird dadurch bei vielen Lesern eine Sehnsucht geschürt, auch etwas „besonderes“ zu tun, mal im Mittelpunkt zu stehen mit Dingen, die sie vielleicht nicht wirklich beherrschen oder mit denen sie sich im schlimmsten Fall lächerlich machen. Die Wirklichkeit wird verzerrt, während das wahre Abbild des Lebens irgendwo verschwindet und ebenfalls unerreichbar wird … Vielleicht.

Autoren, die ihr eigenes Leben aufgeschrieben haben, werden belächelt, wenn sie nicht mindestens mit dem Friedensnobelpreis oder einem Bestsellertitel in der Spiegelliste aufwarten können. Warum eigentlich? Ist es ein Leben nicht generell wert, weitererzählt zu werden? Was kann ich denn von Heidi Klum oder Rainer Kunz lernen? Und woraus besteht eigentlich unser moderner „Märchenschatz“? Wenn alle Bilder ausfallen und der Strom weg ist, bleibt nur noch Rainer Kunz, dessen Leben von Mund zu Mund geht, während Heidi Klum wahrscheinlich nur in dramatischen Farbposen wirkt. Jede Biographie ist es wert, festgehalten zu werden, egal wie viele Leute sie kennen oder wie viel Geld damit gescheffelt wird. Es sind ebenso schöne Geschichten wie das, was man angeblich kennen und gelesen haben muss – und das unsere Wirklichkeit vielleicht stärker verzerrt als die Geschichte von nebenan. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe Biographien von bekannten Persönlichkeiten. Aber richtig zu Herzen gehen mir die kleinen Geschichten, weil sie unerschöpflich sind.

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