Graue Metzgerschläfen

Wenn wir schon von Erinnerungen sprechen: Wie wasserdicht sind die eigntlich? Zunächst einmal betrachte man die Ausgangssituation. Tante Trudchen mit den Stützstrümpfen fand den Tag mit dem Kaffeetisch unter dem blühenden Kirschbaum vielleicht unerträglich heiß – bei 25 °C, während die Kurzen um so lustiger durch den Garten tollten. Opa Heinz schwadronierte mal wieder über die „schwierige Zeit“ 45-49, und Muttern, na ja, die hatte Freude an denen, die ihren Kuchen verschlangen. Ergebnis: Trudchen war erschöpft, Heinz fühlte sich in seinem Element und Muttern war glücklich. Wenn jetzt jemand hingeht und plötzlich eine Familiensaga verbricht – dann ist das Auf-die-Zehen-treten eigentlich vorprogrammiert, oder? Denn garantiert weiß er die entscheidenden Details nicht zu berichten, weil er / sie an dem Tag gar nicht da war. Familienbibliographien könnte man als Sprengstoff betrachten, mit denen weitere Bücher provoziert werden, in denen Richtigstellungen, Verunglimpfungen oder ganz andere Sichtweisen dargelegt werden – und Verleger und Buchhandel reiben sich die Hände … Bettina Unghulescu hat sich gesagt: What shalls! Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, aber ich bin hier drin! Und ich kann nur die vier Wände meines Erinnerungskästchens beschreiben, die ich sehe und be-greife. Alles andere überlasse ich Leuten, die es meinen, besser zu wissen. Und so hat sie sich aus ihrer exponierten Position als hier Geborene in einer Familie der Einwanderer auf die Reise gemacht, um ein „fremdes“ Erinnerungskästchen zu entdecken: die Heimat ihrer Familie, die sie nur aus Erzählungen kannte.Heimatschmollen Wie war das denn mit dem Gefühl nach der Heimat? Was muss man tun, um die fremde Erinnerunge zu erfahren? Sie suchte sich fern von Wesel Bleibe und Arbeit und wartete ab. Der Katzenjammer nach der verregneten Heimat am Niederrhein kam schneller, als sie dachte. Und auch, als sie beruflich nach Thüringen musste, gab sie nicht auf, sondern stellte fest, dass man auch ohne Ortswechsel Heimweh haben kann. Was ist Heimat also? Sie hat keine Familiensaga geschrieben, sich aber über Emotionen beim Verlassen der Heimat Gedanken gemacht und eine verblüffende Erkenntnis daraus gezogen. Als es um Erinnerungen ging, wurde es dann kitzelig. Was kann man schreiben, ohne dass die Familie Amok läuft? Sie hat eine recht nette Lösung gefunden. Erinnerungen können je nach Person unterschiedlich ausfallen – siehe oben. Deshalb ist es auch gar nicht so wichtig, immer treu bei der Wahrheit zu bleiben. Was wahr ist und was Fiktion, weiß man zwar nie so genau, aber die Botschaft, die sie hat, wird klar: Heimat kann man sich selbst machen, egal ob hier oder am Äquator. Es kommt nur drauf an, dass man es auch will. Mehr zu Bettina Unghulescu auf ihrem Blog!

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