Adventskalender: Vom Wesen des Menschen

Mein Gott, wenn ich bloß besser gucken könnte! Gestern war er höchstens halb so weit. Wenn ich nur etwas erkennen könnte! Es muss ja interessant sein. Wenn er doch mal eine kurze Pause einlegen würde, dann würde ich ihn ja mal fragen. Würde ihn sowieso gerne mal ansprechen. Aber ich kann ja nicht einfach dazwischenreden.
Wie kann man nur so viel …? Versteh’ ich nicht. Was findet er nur daran? Aber es muss ja wohl Spaß machen, sonst würde er ja nicht seine ganze Zeit damit verbringen. Hat er eigentlich sonst nichts zu tun? Ich meine, er sitzt nun schon den zweiten Tag hier. Hat er keine Arbeit? Wenn ich nur etwas erkennen könnte! Vielleicht sollte ich ja auch mal wieder …? Wann hab ich eigentlich das letzte Mal …? Noch näher kann ich auch nicht heranrücken, das fällt ja bald auf. Obwohl, irgendwie merkt er nichts. Nein, er merkt gar nichts. Eigentlich müsste er meine Augen auf seinen Schultern spüren, wie sie immer schwerer werden, jeden Lidschlag müsste er eigentlich merken und das Rollen der Augäpfel … Aber er ist ja sowas von beschäftigt. Ist ja eigentlich gut, wenn sie so beschäftigt sind. Männer, die gut beschäftigt sind, kommen nicht auf dumme Gedanken.
Vielleicht sollte ich mir morgen mal etwas Vergleichbares mitbringen. Wenn ich bloß ein Wort erkennen könnte. ‚Zeit’? Hat es etwas mit ‚Zeit’ zu tun? Ja, Zeit scheint er zu haben. Vielleicht hat er keine Frau? Bestimmt hat er keine Frau. Hat aber ganz schön sympatische Hände. Nein, keinen Ring am Finger. Bestimmt nicht verheiratet. Obwohl, keinen Ring zu tragen heißt nichts.
Jetzt sitzt er schon wieder über eine Stunde hier. Er hat noch nicht einmal zur Seite geschaut. Das gibt es doch gar nicht! Ich würde so gerne mal etwas zu ihm sagen, aber es geht einfach nicht. Keine Gelegenheit.
Plötzlich ging eine Woge von Bewegung durch den Körper zu Luisas Rechten. Sie begann in den Füßen und setzte sich über die Knie, über die Wirbelsäule bis zum Hals fort. Der Mann richtete sich auf, atmetet einmal tief aus, um die Brechung der Wellen etwas abzumildern und klappte plötzlich sein Buch laut zu.
Luisa bekam Stielaugen. Jetzt müsste sich doch das Geheimnis ergründen lassen. Es platzte aus ihr heraus: „Entschuldigung,“ sagte sie zu ihrem Bankgenossen, „darf ich Sie fragen, was Sie da so Spannendes lesen?“ „Gerne“, antwortete der nette Herr und blickte kurz auf. „Aber zuvor möchte ich Ihnen sagen, dass Sie heute noch besser als gestern aussehen, auch wenn das beinahe schon gar nicht mehr geht.“ Luisa wurde rot. Er hatte nicht nur sympatische Hände, sondern auch eine angenehme Stimme. Sie vergaß, dass der Mann nicht einmal zur Seite geschaut hatte. „Ach“, stammelte sie, „wenn Sie das Kleid meinen …“ „Nein, ich meine nicht nur das Kleid, sondern die ganze Trägerin!“ behauptete der Fremde. „Sind Sie öfter hier? Wir könnten einen Kaffee trinken gehen. Ich lade Sie ein.“ Luisa zögerte. „Meinen Sie?“ „Natürlich. So eine nette Banknachbarin hat man schließlich nicht alle Tage.“ Er griff in die Seitentasche seines Jackets. „Oh, es tut mir leid, ich habe wohl mein Portemonnaie im Wagen liegengelassen.“ „Das macht nichts“, sagte Luisa, „ich hab meins dabei. Gehen wir!“ Sie standen auf. Direkt gegenüber auf dem Platz befand sich ‚Arthurs Coffee-Shop’. Luisa fühlte sich zwanzig Jahre jünger. Sie bemerkte nicht, wie der smarte nette Herr mit den grauen Schläfen sein ‚Handbuch für Schmeichler und Arschkriecher’ ganz schnell im Jackett verschwinden ließ.

© Franziska Röchter, aus: Trete ein in Wundergärten …, Verlag P&B, 2009

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.