Adventskalender: Dankbarkeit kennt keine Grenzen

Eberhard Leucht ist einer von den harten Autoren, die sich jahrelang durch alle greifbaren Anthologien schreiben und dabei alles ausprobieren, was mit einer Kurzgeschichte möglich ist. Passend zur Jahreszeit hat er sich mit dem Thema Dankbarkeit beschäftigt, die einem entgegen schlägt, wenn man einen „durchgeistigten“ Zeitgenossen nach Hause geleiten will.
Die Geschichte erschien bereits in Ausgabe 04/2005 in der Zeitschrift „Kurzgeschichten“ und hat sich diese Auszeichnung redlich verdient:

Cool, Mann oder Dankarbeit kennt keine Grenzen
Scheiß Nacht! Warum habe ich heute nur das Auto stehen lassen? Wegen der paar Schneeflocken? Nun muss ich nach jedem zweiten Schritt einen meiner Füße aus den knapp kniehohen Schneewehen ziehen. Und das mitten in der Nacht, nach zehn Stunden Arbeit, wenn man sich nach nichts anderem sehnt als der Behaglichkeit des eigenen Zuhauses. Die Kälte zwickt unbarmherzig in Nasenspitze und Ohr­läppchen und ich fluche noch immer auf diese kalte Nacht und meinen Nachhause­weg, der einfach kein Ende nehmen will, als mich plötzlich dieses Gesicht wie ein gelber, fetter Mond angrinst.
„Haste mal ‘ne Zigarette?“, weht mir al­koholgeschwängerter Atem ins Gesicht, dass sich mir fast der Magen umdreht. Klar, habe ich, ich bin ja ein hilfsbereiter Mensch und habe Verständnis für die Nöte und Bedürfnisse gewisser Leute zu dieser späten Stunde.
„Du bist cool, Mann“, freut ich das fet­te, gelbe Gesicht und klopft mir kumpel­haft auf die Schulter. Ich bemerke, dass die Hand einige Mühe hat, ihr Ziel nicht zu verfehlen. Seine Hand hat ebenso Schwierigkeiten, die Flamme des Feuerzeugs, das sich in den unergründlichen Tiefen seiner Jackentasche fand, an die Spitze der Zigarette zu bringen. Ich helfe ihm mit meinem Feuerzeug, denn ich bekomme jetzt ebenfalls Appetit auf einen Glimmstängel.
„Du bist cool, Mann“, wiederholt das Mondgesicht sein Repertoire. Klar bin ich cool, und jetzt finde ich mich auf einmal sogar noch viel cooler, denn Kinder und Besoffene sprechen stets die Wahrheit. Und zumindest von einer dieser Spezies habe ich das gerade bestätigt bekommen.
Das Mondgesicht schließt sich mir an. Der Mann ist nicht sehr standfest auf den Beinen, so dass ich ihn zur Sicherheit am Arm fasse und über die nächste Schnee­wehe auf die Straße helfe. Dort lässt es sich entschieden besser laufen als auf dem Fußweg, wenn mich da nur nicht ein un­gefähr hundertdreißig Kilo schwerer Kar­toffelsack ständig in eine andere Richtung zu ziehen versuchte. Ein Kartoffelsack, der sich lautstark bedankt, dass ich ihm nach Hause helfe und mich nebenbei wis­sen lässt, dass ihn seine Frau wohl schon mit dem Nudelholz in der Hand erwarte. Ich kann’s ihr nicht verdenken. Aber diesen Gedanken behalte ich für mich.
So laut, dass die Anwohner der umlie­genden Häuser an seinen Erfahrungen teilhaben können, erläutert er mir die fünfzig Wege, unbemerkt an seiner Frau vorbei ins Bett zu schleichen. In Gedan­ken höre ich schon die Buschtrommeln, welche die Nachricht von der baldigen Heimkehr der Schnapsdrossel zu seiner wartenden Gemahlin bringen.
Nun hoffe ich, den Kerl möglichst schnell loszuwerden, denn ich komme in gefährliche Nähe meines eigenen Heims, und auch in diesem Haus gibt es eine Menge wacher Ohren und aufmerksamer Augen. Mir würde niemand mehr glauben, dass ich um diese Zeit von der Arbeit komme, wenn ich mit diesem torkelnden Kerl durch den Schnee stakse. Liebend gern hätte ich den jetzt bis in den achten Stock des Hauses, das wir gerade passie­ren, geschleppt, um meinen Weg allein fortsetzen zu können. Aber Fehlanzeige, er hängt weiterhin an mir wie eine Klette.
„Du bist cool, Mann!“, bekomme ich noch einmal zu hören, obwohl ich das längst weiß. Und damit ich es nicht ver­gesse, wiederholt er das gleich noch ein­mal. Dabei kommt mir das fette, gelbe Mondgesicht mit der inzwischen knallroten Nase empfindlich nahe und meine größte Befürchtung ist, er könnte mir auf die Jacke kotzen. Er streckt den Zeigefinger in die Nacht und nimmt drei oder vier Mal Anlauf, um das Wort „fünf“ zu artikulieren. Ich verstehe, er verrät mir die Hausnummer. Nummer fünf, das ist zwei Blocks von hier. Ich nicke und schleppe ihn weiter, ehe er womöglich noch im Schnee ausrutscht und sich das Genick bricht oder gar noch etwas Schlimmeres passiert. Die sorgenvollen Gedanken um das Wohlergehen meines nächtlichen Begleiters hätten mir mit Sicherheit den Schlaf geraubt. Und seinen begeisterten Worten nach zu urteilen, muss ich die Coolness in Person sein.
Wir betreten den dunklen Flur des Hau­ses Nummer fünf, da geht das Licht an und in der Tür zur Erdgeschosswohnung steht der vom fröhlichen Zecher herauf­beschworene Albtraum in Person seiner wartenden Gattin. Bewegungslos, die Fäuste in die Seiten gestemmt, die stein­grauen Haare wie frisch von den Locken­wicklern an den Kopf geklatscht. Der in Marmor gemeißelte Vorwurf. Doch in dem kompakten Marmorblock steckt Le­ben.
Mich – ausgerechnet mich – trifft ein vernichtender Blick und beinahe hätte ich mit freundlicher Unterwürfigkeit: „Guten Abend, Frau Medusa“, gesagt. Aber da bricht der geballte Zorn stundenlangen Wartens aus ihr heraus und über mich ein Donnerwetter aus Worten herein, das bis in den fünften Stock zu hören ist.
„Was fällt Ihnen ein, meinen Mann, der den ganzen Tag schwer arbeiten muss, zum Trinken zu verleiten?! Haben Sie nichts Besseres zu tun, als sich den ganzen Abend in die Kneipe zu setzen und recht­schaffene Leute davon abzuhalten, nach dem verdienten Feierabend nach Hause zu gehen?!“
Es prasseln noch mehr dicke, fette Aus­rufezeichen auf mich herab, derweil sich der rechtschaffene Kartoffelsack mit hän­genden Schultern und eingezogenem Kopf an der geifernden Zornesgöttin vor­bei in die Wohnung schleicht.
Und mit der Erkenntnis, dass ich der Grund allen Übels bin, zumindest in den Augen der Nachbarn von Mister Kartof­felsack und Frau Medusa, schleiche auch ich mich alsbald – ganz uncool – davon.
© by Eberhard Leucht Erschienen in der Zeitschrift „Kurzgeschichten“ Ausga­be 4/2005

Mehr von Eberhard Leucht: http://eleucht.wordpress.com/

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