Adventskalender: Weihnachtszauber

Sven und Tina richteten ihre Blicke erwartungsvoll auf den Großvater, als dieser sich in den Schaukelstuhl vor dem Kamin niederließ, seine Füße dem wärmenden Feuer entgegenstreckte, mit bedächtigen Bewegungen seine Pfeife stopfte, sie anzündete und schließlich mit halb geschlossenen Augen schmauchte.
„Es war am Anfang des vergangenen Jahrhunderts“, begann er dann mit seiner Stimme, die die beiden Enkelkinder sofort in ihren Bann zog, „als ich die Geschichte erlebte, die ich euch jetzt erzählen möchte. Es war am Vorabend des Weihnachtsfestes, genau wie heute. Das Schicksal hatte mich damals in den hohen Norden verschlagen. Damals bewegte man sich viel langsamer als heutzutage, zu Fuß oder mit Pferdefuhrwerken. Es war eine schlimme Zeit und ich hatte den Glauben an das Glück, das Schöne und auch an den Weihnachtsmann längst verloren. Es war ein eisig kalter Abend, unter meinen Schuhen knirschte der dünne, verharschte Schnee. Der Mond versteckte sich hinter einem Gespinst silbrig schimmernder Wolkenfetzen. Ich erreichte gerade noch rechtzeitig, bevor die stockdunkle Nacht hereinbrach, ein kleines Dörfchen, das einen trostlosen Eindruck auf mich machte. Keines der Häuschen war festlich geschmückt, als wäre am Tag darauf gar nicht Weihnachten. Zum Glück fand ich eine Herberge, in der ich übernachten konnte. Zu dieser Zeit waren nur wenige Menschen unterwegs. Als ich den Gastraum betrat, befand sich dort nur ein einziger Gast, ein älterer Mann mit schlohweißen Haaren, der traurig vor einem Glas mit heißem Punsch saß. Ihm gehörte wohl das Fuhrwerk, das ich vor der Herberge bemerkt hatte. Ich setzte mich zu ihm und wärmte meine Hände an einem Glas mit Tee. Wenig später erzählte er mir folgende Geschichte:
‚In diesem Dorf lebt ein Junge namens Sebastian. Ich kenne ihn sehr gut.’ Bei diesen Worten nickte er und blickte gedankenverloren durch das Fenster in die klare, eisige Nacht. ‚Sein Vater ist Holzfäller, seine Mutter Stickerin. Die Familie ist sehr arm, aber der Junge lernte stets fleißig in der Schule und machte auch sonst seinen Eltern nur Freude. Waren die Geschenke, die der Weihnachtsmann unter den Christbaum legte, auch sehr bescheiden, so freute er sich doch jedes Mal aufs Neue mit strahlenden Augen. Seine Mutter hatte ihm immer wieder gesagt, dass nur artige und brave Kinder, die in der Schule fleißig lernen, vom Weihnachtsmann beschenkt werden. Daraufhin wollte Sebastian von ihr wissen, ob Karl, der Sohn des Dorfschulzen, der im großen Herrenhaus wohnte und der Schrecken aller Lehrer und der anderen Dorfkinder war, vom Weihnachtsmann etwa keine Geschenke bekäme. Nein, hatte die Mutter geantwortet, zu solchen Menschen käme der Weihnachtsmann nie, und wenn, dann hätte er für solche Kinder nur eine Rute.
Eines Abends schlich sich Sebastian, der von Natur aus sehr neugierig war, zum Herrenhaus und blickte durch die großen, hell erleuchteten Fenster. Was musste er da sehen! Im festlichen Glanz, in dem der Christbaum erstrahlte, der viel größer und viel schöner geschmückt war, als der in Sebastians Haus, saß der dicke, rotwangige Karl inmitten von Bergen aus Nüssen, Äpfeln und Orangen. Traurig dachte Sebastian dabei an seinen eigenen Weihnachtsteller mit der Handvoll Nüsse und den beiden Äpfeln. Und das viele Spielzeug erst! Karl konnte sich kaum entscheiden, womit er sich zuerst beschäftigen sollte, mit dem prächtigen Pferdestall, der Armee von Zinnsoldaten … Sebastian war gar nicht in der Lage, alle diese Schätze, die über den ganzen Fußboden verstreut herumlagen, mit einem Blick zu erfassen.
Enttäuscht über so viel Ungerechtigkeit und die Lügen der Mutter machte er sich im darauf folgenden Jahr, nachdem er den Winter sehr schweigsam und in sich gekehrt verbracht hatte, auf den Weg zum Weihnachtsmann. Es war ein langer und beschwerlicher Weg hinauf in den hohen Norden, in das Land des ewigen Schnees und Eises. Aber Sebastian erreichte sein Ziel. Er war sehr wütend, weil er glaubte, dass der Weihnachtsmann nur eine Lüge sei und die Ungerechtigkeit, die in der Welt herrschte, noch unterstützte.
Der Weihnachtsmann war sehr betroffen, als er die Worte des kleinen Jungen vernahm. Er ließ sich die ganze Geschichte erzählen. Daraufhin wurde er sehr nachdenklich und sehr traurig. Da wollte der Weihnachtsmann auf einmal kein Weihnachtsmann mehr sein. Freude sollte er doch bringen, doch nun erkannte er, dass er mit seinen Geschenken auch Neid und Missgunst säte.
So werden in diesem Jahr vor allem die Kinder vergeblich auf eine frohe Bescherung warten. Irgendwo an der Grenze zur Welt der Menschen sitzt der Weihnachtsmann nun allein und verlassen herum und grübelt darüber nach, ob man seiner überhaupt noch bedarf, da sein Erscheinen womöglich nur noch mehr Unfrieden unter den Menschen stiften könnte. Sieh aus dem Fenster, mein Freund, es liegt nicht einmal genug Schnee, damit der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten in die Dörfer und Städte fahren könnte.’
Diese Worte haben mich sehr betrübt und mein Herz erweicht. Das kleine Dörfchen würde ohne leuchtende Kinderaugen, ohne Lachen und ohne Freude noch trostloser werden, als es in diesem Augenblick schon war.
‚Nein’, sagte ich am nächsten Morgen, als ich vor die Herberge trat, laut vor mich hin, ‚das darf nicht sein. Der Weihnachtsmann muss einfach wieder in die Welt der Menschen kommen und die Herzen der Kinder mit Freude erfüllen. Wie viel ärmer wäre die Welt ohne ihn?’
Da bemerkte ich, dass das alte Pferdefuhrwerk, das gestern Abend noch vor der Herberge gestanden hatte, verschwunden war. An dessen Stelle fand ich einen prächtigen Schlitten, bespannt mit acht Rentieren. Verwundert rieb ich mir die Augen. Und ehe ich mich versah, saß ich auf dem Bock des Schlittens, war auf einmal mit einem warmen roten Mantel bekleidet und trug einen langen, weißen Bart. Neben mir fand ich einen großen Sack, der bis zum Rand mit Päckchen und Geschenken gefüllt war. Da wurde mir klar, dass es sich bei dem Mann, der mir am Abend zuvor die traurige Geschichte von Sebastian erzählt hatte, um niemand anderen als den Weihnachtsmann gehandelt hatte. Und nun war ich, dank meines laut ausgesprochenen Wunsches, an seine Stelle getreten.
‚Fahr los, Weihnachtsmann!’, rief da jemand hinter meinem Rücken. ‚Bring den Kindern Freude und Liebe.’ Ich wandte mich um und erkannte die Schneekönigin, die dicke, schwere Wolken über den Himmel blies, aus denen weiße Flocken zur Erde fielen. Ein richtiges Schneegestöber war das gewesen. Und bald schon erstrahlte die Welt um mich herum im weißen Glanz des jungen Wintertages. Die Rentiere zogen an und mein Schlitten sauste davon, zu den Kindern, die bereits sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann warteten …“

(c) 2010 Eberhard Leucht
http://eleucht.wordpress.com/

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.