Mein Schreibstil, dein Schreibstil: Die Kunst der Formulierung

Wie ich’s gern hätte!

Ich habe auf den Post, dass das mit der Recherche von Hobbyautoren anscheinend nicht so ernst genommen wird, tatsächlich einen entsetzten Kommentar bekommen. Fein, wir verstehen uns 🙂

Kommen wir also zum Eingemachten. Umfassende Recherchen sollten sich meines Erachtens nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich anderen Texten widmen. Dazu gehört das Lesen der Klassiker (Goethe, Schiller, die Typen eben), guter Übersetzungen oder Originaltexte neueren Datums (Hemingway, Christie, Simenon, meine Favoriten) und aktueller Texte. Warum? Ganz einfach, weil man dann mehr Vergleichs- und Entwicklungsmöglichkeiten hat.

(Ich entschuldige mich vorab, falls jemand die folgenden Absätze für respektlos halten sollte. Ihnen geht mein jahrelanges und vor allem ernsthaftes Bemühen voraus, Beweggründe für diverse Hobbyautoren-Schreibstile zu analysieren. Ihr ahnt es schon, es ist mir nicht gelungen, zumal ich leider nicht die Zeit hatte, mit allen Autoren darüber zu diskutieren. Aber vielleicht hat jemand nach der Lektüre dieses Posts eine ernsthafte Erklärung für mich?)

Ich mach’s kurz: Bei manchen Manuskripteinsendungen beschleicht mich das Gefühl, die Verfasser haben einen Stil kopiert, der ihnen gefällt, aber sie tun es, ohne nachvollzogen zu haben, was der Erstverfasser da überhaupt angestellt hat. Sie lesen „blind“ und denken sich: Boah, das kann ich besser! Tja, und dann ist es schon passiert, ein vermeintlicher zweiter Dan Brown / Ian Crichton / Umberto Eco ist geboren. Das ist auch bei den neuen Donna Leons, Hera Linds u.a. der Fall. Und diese dürftigen Kopien (nochmals sorry) landen dann z. B. auf meinem Schreibtisch.

Vorweg: Wenn jemand einen Schreibstil gut findet, dann soll er ihn kopieren, so oft und so viel er will! Wer weiß, vielleicht findet er oder sie auf diesem Weg seinen bzw. ihren eigenen Stil. Aber in den meisten Fällen bezieht sich die Kopie auf die Handlungsebene und das, was zwischen den Zeilen gesagt werden soll, fällt völlig unter den (Schreib-)Tisch. Das betrifft zunehmend auch die Grammatik (noch mal: Ich habe sie nicht gefunden, bin aber dafür, dass man sie benutzt). Ja ja, ich weiß, dass der Genitiv im Schwinden begriffen sein soll. Trotzdem sind mir Formulierungen wie „Heinrichs Auto“ lieber als „das Auto von Heinrich“. Die Formulierung „das Auto Heinrichs“ hingegen bereitet mir Gänsehaut und ist für meinen Geschmack zu oft in Hobby-Fantasy-Literatur oder “mittelalterlichen“ Erzählungen zu finden. So hat „man“ mal geschrieben bzw. gesprochen. In gründerzeitlichen Schriften (was war das noch mal für eine Epoche?!) tritt dieses seltsame Konstrukt beispielsweise gern auf. Auch in Texten, die irgendwie heroisch wirken und Macht ausdrücken sollen. Aber ich finde diese super-possessive Darstellung eines Alltagsgegenstandes übertrieben. So lang die Duden-Redaktion oder der liebe Gott oder wer auch immer den Genitiv nicht abschafft, darf ihn jeder verwenden, ganz ohne Lizenzgebühren.

Nehmen wir weiterhin das schöne Beispiel „sagen“. Jemand spricht mit jemand anderem und tut es auf eine bestimmte Art. Die Schwierigkeit besteht an diesen Stellen in der wörtlichen Rede, die den Schriftsteller dazu zwingt, sie neben den Gänsefüßchen irgendwie als solche zu kennzeichnen. In Dialogen müssen zudem oft mehrere Sprecher gebändigt werden, die auch noch gewisse Eigenschaften mitbringen, und dann sollte man bitte nicht immer schreiben „er sagte, sie antwortete, er fragte, sie meinte“ etc. Dazu hat Marcus Johannes einen interessanten Blogpost geschrieben: http://marcusjohanus.wordpress.com/2014/10/04/3-tipps-fur-spannendere-dialoge/

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7 Antworten zu “Mein Schreibstil, dein Schreibstil: Die Kunst der Formulierung

  1. Gucke ich falsch oder steht der Text da zweimal übereinander?

    Ich habe übrigens weder Simenon noch Christie gelesen (zumindest habe ich Christie recht bald weggelegt, ist viele Jahre her, gefiel mir nicht…) – kriege ich dafür nun böse Blicke oder so? 😀

    Oh, schlimmer als „er sagte, sie meinte, er fragte, sie antwortete“ ist: sagte er, sagte sie, sagte er, sagte sie, sagte er, sagte sie – am besten noch sie sagte, dann sagte er, dann sagte sie, dann sagte er, dann sagte sie… Bücher, in denen das passiert, nerven…

  2. Mir deucht, die verehrte Maid Mewis Dracula, wolle uns damit erleuchten!
    Hexe! Auf den Scheiterhaufen!

    *kichert* Ach wie lieblich ist die alte Sprache, so volle Blut und lug und seltsamer Worte. :3

  3. Pingback: Und Action! Die Kunst aus Hollywood in Schriftform | Nekos Geschichtenkörbchen

  4. Hat dies auf Glück ist für den Augenblick ein kleines Stück rebloggt und kommentierte:
    Der eigene Stil findet sich … früher oder später. Wenn ich heute meine Texte geschrieben „annodunnemals“ lese, überkommt mich der Verdacht, DAS war in einer anderen Zeit. Ein anderes Leben? Fürwahr. Es mag dem einen befremdlich klingen, dem anderen entsprechen – okay. Geht mir schließlich genauso. Mal sehen, wie ich morgen schreibe …

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