Konsequenzen: Wenn ein Verlag zu viel des Guten ist

Einmal mehr hatte ich vor, mich irgendwie „klassifizieren“ zu lassen, damit ich als Hybrid-Wort-Verbrecherin in der Vereinslandschaft Deutschlands irgendwo unterkomme und mich nicht immer ganz so schwer tue bei Netzwerkvorstellungen. Aber was bin ich denn nun, wie kann ich mich rein branchenmäßig gesehen vorstellen? (Achtung, die folgenden Absätze könnten Meinungen & Menschen brüskieren. Aber das kennt ihr ja schon von mir.)

  • Ich bringe Texte heraus, die andere verfasst haben, vorzugsweise in Anthologien und sogar in abgeschlossenen Romanen, s. Nadine Muriel.
  • Ich bringe Texte heraus, die ich selbst verfasst habe, vorzugsweise unter verschiedenen Pseudonymen, die sich Alter Egos nennen und auch noch gegenseitig ärgern, s. Alicia Mirowna und Bettina Unghulescu.
  • Ich verlege den ganzen Sums unter dem Dächlein des Wunderwaldverlägchens, was mir hin und wieder den Vorwurf einbringt,
    • „nur“ eine Selbstverlegerin
    • „nur“ eine Kleinverlegerin
    • „nur“ eine Druckkostenzuschussverlegerin zu sein. (Wie das gekommen ist, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären, denn:)
  • Ich finanziere alle Texte mit eigenen Mitteln und sehe zu, dass der finanzielle Rahmen mich nicht ruiniert, was mir weiterhin den Vorwurf einbringt, knauserig zu sein.
  • Ich greife bei der Publikation auf Plattformen zurück, derer sich auch „Selfpublisher“ bedienen, wobei das die anderen Kleinverleger auch tun. (Aber die werden wahrscheinlich nicht so oft darauf angesprochen?)
  • Ich befasse mich inhaltlich mit Performing Arts (Tanz eben) und bastele hin und wieder in anderen Disziplinen herum, was mir einmal das Attribut „Künstlerin“ einbrachte. (Hui, das war aber … na ja, ich fand’s ein wenig hochgegriffen, aber gut.)
  • Ich lektoriere auch noch gegen Geld, was mich wiederum zur Lektorin / Dienstleisterin macht.
  • Ich habe nach wie vor keine Verlagsauslieferung, weil ich bei dem Müllkarussell nicht mitmachen möchte, auf das man unweigerlich aufspringen muss, wenn man nicht nach der Vertragserstlaufzeit wieder rausfliegen will. Folglich gelte ich für Buchhandlungen anscheinend als Verlegerin, die so schlechte Bücher macht, dass nicht mal eine Auslieferung sie unter Vertrag nimmt. (Dass ich trotzdem ordentlichen Umsatz mittels Elektrobüchern mache und das Gegenstück in gedruckter Form ähnlich erfolgreich sein dürfte, interessiert eher wenig.)

So, und was trage ich jetzt in die Antragsformulare diverser offizieller Vernetzungskonglomerate ein?

  • Als Verlegerin kann ich in den Augen etlicher Vereinigungen keine „echte“ Autorin sein, weil das dann ja unter „Selfpublishing“ läuft —> Antrag abgelehnt.
  • Als Autorin kann ich keine Verlegerin sein, weil ich dann ebenfalls als „Selfpublisherin“ gelte —> Antrag abgelehnt! Herausgeberin dagegen wäre problemlos möglich, so lang ich nicht Texte auf einer „Selfpublishing-Plattform“ herausgebe. (Wenn ich als Herausgeber den Wunderwaldverlag angebe, isses allerdings in Ordnung. Klar, voll logisch, das. Weil die Verlegerin des WWV ja eine ganz andere Person ist als die Autorin. Möööp …)
  • Beides führt dazu, dass man mich bisweilen in die Schublade der „Nichtskönner“ stopfte und dazu noch einen unseriösen Verlag als mein Eigen kategorisierte, bei dem auf keinen Fall Hochliteratur herauskommen könne. (Das habe ich auch nie behauptet. Ich will lediglich mich und andere unterhalten, und das tue ich ja auch.)
  • Als Lektorin gehöre ich nicht zur „schaffenden Klasse“, sondern bin lediglich „Korrekturhansel“ (hab ich mir vor ein paar Monaten sagen lassen dürfen) —> den Aufnahmeantrag habe ich gar nicht erst gestellt.

Fazit: Schnauze voll. Der Selfpublisher und der Kollegen, die ebenfalls selbst schreiben und wie ich einen Verlag gegründet haben, weil sie keine Lust mehr hatten, an den Hürden der Branche zu scheitern, sind viele. Das Scheitern hatte mit Verlagsgründung auch kein Ende, sondern es ging erst richtig los (s.o.). Ich stehe dazu, ich publiziere eigene Texte, die sich ganz gut verkaufen, ich arbeite als Verlegerin mit anderen Autoren zusammen, ich lektoriere alles selbst und darüber hinaus auch. Warum wird das so verurteilt? Fällt dieses Verurteilen in die gleiche Kiste wie die Meinung der Deutschen, dass man sich erst dann als „richtiger“ Autor bezeichnen darf, wenn man einen Roman bei einem „richtigen“ Verlag veröffentlicht hat, was ich z.B. im Hinblick auf den Kolumnisten Axel Hacke als unhaltbar empfinde? Ich fühle mich extrem wohl als Hybrid-Schaffende und sehe nicht ein, dass ich mich dahingehend irgendwie einschränken soll, nur damit es in irgendwelche Antragsformulare passt. Wie angenehm wäre es dagegen, wenn sich mehr Autoren trauen würden, sich „fremdes“ Wissen anzueignen und es auch zu zeigen, damit sie noch mehr aus ihren Texten machen könnten. Und wie viele Austauschpartner hätte man dann, um mittels, hm, Schwarmintelligenz ganz neue Konzepte zu entwickeln?

Der Sohn einer Bekannten fragte in einem anderen Zusammenhang: „Kann man das noch vercoolern?“ Yes, my son, das deutsche Autoren- und Verlagswesen kann man inhaltlich definitiv vercoolern, indem man die Möglichkeiten nutzt und über den Tellerrand schaut, um von anderen zu lernen und im Gegenzug eigenes Wissen weiterzugeben.

Wie Kathrin Elfman auf ihrem Blog Zaubertinte verweise ich ausdrücklich darauf, dass dieser Post rebloggt werden darf.

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9 Antworten zu “Konsequenzen: Wenn ein Verlag zu viel des Guten ist

  1. Einfach nicht entmutigen lassen und mit der tollen Arbeit weitermachen. Wenn andere das nicht anerkennen, und man nicht in ihre vorgefertigten Schubladen passt, dann ist das nicht die eigene Schuld, sondern die der Anderen, die sich mit ihrer engstirnigen Kategorisierung wertvolle Möglichkeiten abschneiden.

    Und im Endeffekt kommt es auf deren Meinung auch nicht an, sondern auf die der Leser (die ja, wie die Zahlen zeigen, zufrieden zu sein scheinen) und auf die der Autoren (die, wie ich aus eigener Quelle weiß *g*, ebenfalls vollends zufrieden sind).

  2. Bloß nicht unterkriegen lassen! Es ist einfach wieder sooo typisch, dass es für alles eine Schublade in einer Schublade in einer Schublade gibt. Als würde „Verlag“ nicht reichen, staffelt man noch nach Größe und danach, ob man nun selbst auch schreibt oder nicht. Dabei ist es doch eigentlich ein gutes Zeichen, wenn ein Verleger selbst schreibt und zeigt die Liebe zur Schreiberei. Echt mal. Idiotischer Kategorisierungswahn.

    Für mich ist der Wunderwaldverlag ein richtiger Verlag! Deshalb lese ich ja die (meisten) Bücher und liefere immer wieder meine Anthobeiträge ab. Würde ich ja nicht machen, wenn ich nicht an Sie und Ihren Verlag glauben würde. 😉

  3. Hat dies auf Wenn Tinte aus den Fingern fließt… rebloggt und kommentierte:
    Von Kategorisierungswahn und Schubladen

  4. Das ist doch in Deutschland auch in anderen Bereichen leider oft üblich , es wird vorverurteilt! Nicht unterkriegen lassen! L.G. Anja

  5. Hat dies auf Nekos Geschichtenkörbchen rebloggt und kommentierte:
    *Bastelt für Michaela eine eigene Schublade mit der Aufschrift „Wunderwaldverlag“*
    Problem gelöst!

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