Iiieh, Grammatik!

Warum habt ihr eigentlich alle Angst vor den Regeln eurer Muttersprache? Ihr bringt doch schon alle Grundlagen mit! Ich glaube, der Haken ist, dass die Grundlagen der geschriebenen Sprache in der Schule vermittelt werden. Aber dieser Umstand ist meist mit negativen Gefühlen versetzt – was ich nicht ganz nachvollziehen kann, da ja die meisten Autoren erwachsen oder auf dem Weg dorthin sind und eigentlich darüber hinweg sein müssten … Die Folge:

Das habe ich schon in der Schule nicht verstanden, aber für die Korrektur habe ich ja Sie / eine Lektoratsgruppe / meine Testleser. Uaaah … Ein Lektor ist eigentlich kein Korrekturhansel, sondern der Typ, der den Inhalt und den Stil und dem ganzen anderen Kappes im Blick hat. Die Form sollte da schon stimmen. Wie oft ich diese Begründung höre, warum jemand keine Kommas setzen kann? An 100 Tagen hundertmal. Noch mal: Uaaaah …

Oder: Die Grammatik und ich stehen auf Kriegsfuß. Wir hassen uns regelrecht. Also, wenn ich die geballte Energie habe, etwas zu hassen, stellt sich die Frage, warum ich diese Energie nicht dazu verwende, wenigstens so was wie, hm, Akzeptanz zu entwickeln und dann einfach zu lernen, was nötig ist. Lehrjahre sind schließlich auch keine Herrenjahre. Spätestens dann, wenn der Lehrherr den Azubi einstellt und das erste richtige Gehalt auf dem Konto landet, sind die Ressentiments vergessen, oder?

Ich verwende beim Schriftwechsel inzwischen einen Textbaustein und hoffe, dass von 100 Lesern zehn Prozent wirklich lesen, was da steht – und einer meine Worte beherzigt:

Grammatik: Tja, hm, was soll ich sagen? Hassen bringt nix. Ein Sanitärinstallateur, der nix mit Toiletten schaffen will, ist ein fragwürdiger, aber auf keinen Fall ein guter Handwerker. Würde man den in sein Bad lassen oder gar bezahlen? Wohl eher nicht.
Die Beherrschung der Sprache hat ziemlich großen Einfluss auf das Textverständnis des Lesers und zeugt auch von Qualität oder eben nicht. Je besser du Bescheid weißt, desto eher kannst du literarische Scharlatane von echten Könnern unterscheiden. Stell dir vor, du verpflichtest einen Lektor, der nur die Rechtschreibfehler entfernt, die Logikschitzer aber nicht erkennt – und dann bezahlst du den auch noch. Oder du landest bei einem Verlag, der deinen Text zwar veröffentlicht, aber aufgrund des schlechten Lektorats deinem Ruf als Autor schadet.
Oder du wirst in einen Topf mit Selfpublishern geworfen, von deren Werken im schlimmsten Fall abgeraten wird, weil die Texte stilistisch unausgegoren sind – und dafür hast du ggf. jahrelang am Manuskript gesessen …? DAS wäre extrem ärgerlich! (Nix gegen Selfpublisher! Aber es gibt hier noch zu viele, die, euphemistisch ausgedrückt, mit Rohfassungen auf den Markt gehen.)

Die in meinen Augen beste Desensibilisierungsmaßnahme bei einem akuten Grammatik-Allergie-Schub ist das konsequente Einschalten des Radios. Was man nicht sehen will, kommt über die Ohren meist richtig gut! Jeder große Sender hat den einen oder anderen Kulturkanal. Hier bei uns kommen z.B. ziemlich interessante Sachen auf BR 2. Für die Internet-Freaks gibt es meines Wissens jede Menge Mediatheken, wo man sich die Kultur auch noch aussuchen kann. An den Wochenenden gibt es auf den Kultursendern lockere Unterhaltung auf gehobenem Niveau wie z.B. die Sonntagsbeilage. Da kann man lecker frühstücken und bekommt nebenbei literarische Textauszüge vorgelesen. Und gewöhnt sich via Öhrchen auch noch an den „literarischen Satzbau“! Einfacher geht es nun wirklich nicht.

… wie, das ist euch zu anstrengend? Aber Hörbücher hört ihr doch auch, oder? 😉

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11 Antworten zu “Iiieh, Grammatik!

  1. Lektoren brauchen einen gewissen Hang zum Masochismus, ganz klar. 😀

  2. Tja, ich glaube, es gibt wirklich Menschen, denen Rechtschreibung und Grammatik einfach viel schwerer fällt als anderen. Die bei Büchern nur den Inhalt lesen ohne die einzelnen Buchstaben, Kommas, etc. überhaupt zu bemerken. Das muss dem Textverständnis und der Liebe zur Literatur nicht im Weg stehen. Ich finde, für solche Menschen sollte es dann – gesetzt den Fall, sie wollen selbst Autor sein – auch jemanden geben, der ihre Texte verlässlich korrigieren mag. So als Dienstleistung wie jede andere.
    Aber du hast Recht, den Hass zur Grammatik sollte man als Autor möglichst ablegen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sonst gut wird.
    Viele Grüße,
    Marlene

    • Einer meiner Verleger-Kollegen ist sogar Legastheniker und hat seine eigenen Korrektoren. Und wer hätt’s gedacht: Je länger er mit ihnen zusammenarbeitet, desto mehr seiner Fehler erkennt er selbst. Lerneffekt = 100 %!

      In unserem Stadtteil hat viele Jahre der Psychologe Herr Sauer in der Familienberatung gearbeitet. Bei einem Info-Abend zum Übertritt in die weiterführende Schule stellte sich heraus, dass er nicht nur Legastheniker ist, sondern trotz allem mit Begeisterung lesen gelernt hat – zwar erst in der dritten Klasse, aber dann richtig, und hat ohne größere Schwierigkeiten sein Studium der Psychologie abgeschlossen. – In der Klasse diverser Nachkommen sind Kinder mit attestierter LRS in Fremdsprachenfächern plötzlich mit Zweiern und Einsern nach Hause gekommen. Warum? Weil sie zwar schwerer als andere Kinder lernen – und weil sie es WOLLEN.

      Fazit: Bevor man aufgibt und die Grammatik „hasst“, sollte man seine Möglichkeiten ausreizen. Wenn’s der Lehrer und das Elternhaus nicht geschafft haben, kann man sich als Erwachsener ein eigenes „Sprach-Biotop“ basteln und es einfach noch mal probieren. Es schadet nix und tut auch nicht weh.
      Und: Ja, ich weiß, es ist nicht einfach! Aber ich musste auch erst die Schule verlassen und 20 werden, um einzusehen, dass Mathe nur schwer ist, wenn man es sich schwer macht.

      • Geb ich dir voll recht. Oft fehlt auch die Einsicht, dass eine schlechte Rechtschreibung auch ein schlechteres Licht auf das Gesamtergebnis wirft und dass nicht nur die anderen doof sind (denen es leicht fällt), wenn sie fehlerfreie Texte fordern. Vielleicht muss man da aber auch bei der Vermittlung ansetzen. In den Schulen läuft offenbar manchmal etwas falsch und Lehrer (und Eltern) könnten Begeisterung für Sprache (und Mathematik) regelrecht abtöten.
        Viele Grüße,
        Marlene

      • Ich bin keine Lehrerin, muss jetzt aber mal eine Lanze für Lehrer brechen: So schlecht wie manche Lehrer sind, so ist der Anteil der engagierten Lehrkräfte wesentlich größer und gibt trotz des schlechten Images nicht auf. – Wenn ich mir dagegen die Eltern mancher Kinder anschaue: Warum muss man sich den Eltern gegenüber seiner Haut erwehren, wenn man von Zehnjährigen Konzentration und Geduld erwartet? Wieso kann man von Fünftklässlern nicht mehr erwarten, dass sie sich die Schuhe allein binden (kein Witz!)? Wieso können sich die viel gepriesenen Gymnasiasten im Unterricht nicht einfach auf ihre vier Buchstaben setzen und die Klappe halten, wenn ihr Beitrag nichts mit dem Unterricht zu tun hat – und sie stattdessen herumbrüllen und den Lehrer beleidigen (alles selbst erlebt an einem bayerischen Gymnasium)? Lapidare Antwort der Eltern (die nicht im „Prekariat“ anzusiedeln sind) : Na ja, sie sind ja noch sooo jung … Aber okay, ich schweife ab 😉
        Will sagen: Die Lehrer können oft nix mehr machen, weil der Zug schon abgefahren ist.

      • Das ist nicht zu bestreiten 🙂 Und oft haben Lehrer vermutlich nicht (nur) mit den Schülern zu kämpfen, sondern auch mit den Eltern. Warum machen die die Hausarbeiten, Vorträge, etc. auch mit? Die Schüler sollen doch selbstständig werden. Aber das ist wie gesagt ein ganz anderes Thema… Ich hoffe, ich werde mal nicht so.

      • Nun ja … Ich habe zwar hauptsächlich mit Erwachsenen zu tun. Aber deren Argument bei jeglicher Art von Grammatikresistenz ist: „Das habe ich in der Schule nicht gelernt, weil mein Lehrer zu blöd (!) war. Und von Eltern kann man ja nicht verlangen, dass die dem Kind die Sprache beibringen.“ (Weshalb es ja auch Muttersprache heißt. Ich glaube, ich muss das mal ganz offiziell posten 😉

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