Über die berühmten Wann-isses-denn-endlich-fertig-Momente

Kunst ist ein Beruf wie jeder andere auch, meinte ich gestern in einer „Kreativpause“ zu einer – sorry, auf anstrengende Art – enthusiastischen Bekannten. Ich setze diesen Begriff in Anführungszeichen, weil ich ihn normalerweise nicht benutze, sondern immer wieder höre, meist im Zusammenhang mit erstaunlichen Stereotypen wie diesen:

  • Wie cool muss es sein, mit seiner eigenen Kreativität Geld zu verdienen!
  • Du kannst am Ende jeden Tages sagen, dass sich deine Arbeit gelohnt hat!
  • Wenn jemand nie schlechte Laune hat, dann bist du das!
  • Ich beneide dich, denn du kannst den ganzen Tag tun und lassen, was du willst!

*räusper * Interessant …

Eigentlich müsste ich auch das Wort Kunst in Anführungsstriche setzen, denn für mich ist ein Text, gleich welcher Gattung oder Länge, ein Werkstück, für das ich trotz aller Kreativität genauso schwitzen muss wie jeder andere. Und was bedeutet eigentlich Kreativität? Am besten lässt sie sich so beschreiben:

Stunden – oder Tage, manchmal Wochen oder gar Monate – sind vergangen, seit ich den ersten Satz geschrieben und zigmal verändert habe. Allmählich kommt mir meine glorreiche Idee mitsamt den Änderungen und dem ach so kreativen Herumgefeile so überflüssig vor wie ein Kropf. Die Protagonisten nerven. Die Handlung nervt. Das Ende nervt, weil es verd*** noch mal nicht gelingen will. Wenn ich jetzt nicht jeden Satz wie eine Offenbarung formuliere, dann kann ich alles in die Tonne kloppen. Oder: Wenn man eine letzte Schicht Lack auf ein Handwerksstück aufbringt und sie schlägt Blasen, dann war’s für die Katz. Oder: Wenn ich jetzt nicht alle Buchungen abspeichere, die ich im Kreditorenkonto gemacht habe, kann ich morgen noch mal alles neu machen.

Und dann brennt mir, genau wie jedem anderen auch in solchen Wann-isses-denn-endlich-fertig-Momenten, die Sicherung durch. Nur ein kleines bisschen, aber genug, dass ich das sog. Kunstwerk mit einem genervten: Sch… drauf! fertigbastele, weil ich auch endlich auf den Balkon will, wo alle fröhlich ihr Eis schlecken. Oder ich nix mehr abbekomme, wenn ich nicht sofort und auf der Stelle meinen Hintern vom Bürostuhl hebe und zur lang angekündigten Grillfeier unserer Freunde eile.

Kurz: Der Schlonz soll endlich fertigwerden!

Und da ist die Kreativität, die dumme Pute, genau der falsche Ratgeber, denn die würde ja noch hier und da und überhaupt … etwas ausprobieren. Geht aber nicht. Weil ich keine Lust mehr habe und sich die Madame gefälligst bis zum nächsten Text zu gedulden hat. Und ich bin immer wieder erstaunt, mit welchen Ressourcen die Kreativität dann dazu beiträgt, wirklich fertig zu werden – plötzlich bin ich zu Formulierungen fähig, bei denen ich selbst staunen muss! Ich glaube, das ist ein Bestechungsversuch der Madame, damit ich sie auch nächstes Mal wieder mitmachen lasse …

Tja. Und dann behauptet jemand, das sei Kunst. Oder Literatur. Order zumindest erbaulich … Unter uns: Ich persönlich halte es ja für eine Kunst, in der Buchhaltung nix durcheinanderzuwerfen. Man braucht auch hier ein paar Tricks, um den Überblick zu behalten. Und ich behaupte, dass auch dafür jede Menge Kreativität nötig ist, die sich nicht von der „künstlerischen“ Schwester unterscheidet. Weiterhin behaupte ich, dass Buchhalter auch nicht genervter oder glücklicher sind als sog. Künstler. Oder Freiberufler. Oder – oder – oder. Aber es geht letztlich allen um das Gleiche: Sie wollen fertig werden und das Gefühl genießen, etwas geschafft zu haben.

Im Umkehrschluss könnte das aber auch heißen: Alles ist Kunst! Und jeder bestimmt selbst, was er zu Kunst erklärt. Also viel Spaß beim Kunsterklären 🙂

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6 Antworten zu “Über die berühmten Wann-isses-denn-endlich-fertig-Momente

  1. Hat dies auf Nekos Geschichtenkörbchen rebloggt und kommentierte:
    Gnihihi. Jaja, das mit dem fertig werden ist so ne Sache 🐾🐱

  2. Herrje, ich konnte das mit dem ICH-WILL-ENDLICH-FERTIG-WERDEN eben sooooo gut nachvollziehen. Mit dem Grillen sowieso – aber das ist ja auch keine Frage… 😉

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