Wie ich’s gern hätte: Recherchen. Bitter nötig!

Und dann war da noch die Sache mit der Thematik … Also, Geschichten entstehen ja meist im Kopf aus eigenen Erlebnissen und so weiter. Dann kommt noch das Unterbewusstsein dazu, das idR keine Konventionen kennt – und fertig ist der Roman. Glauben die meisten.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass die meisten Autoren keinen Wert darauf legen, dass ihre Geschichte irgendwie „in sich konsistent“ ist. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand à la Selbstexploration etwas aufschreibt, das kann unter Umständen sogar helfen. Aber man sollte nicht den Anspruch erheben, dass es einem anderen gefällt. Ja, auch ich kenne das, wenn das Herz vor Aufregung klopft, weil mir meiner Ansicht nach mal wieder ein besonders genialer Blogpost gelungen ist und ich mich vor Begeisterung auf dem Wohnzimmerteppich kringele. Aber deshalb kann ich nicht verlangen, dass andere es auch tun. (Vielleicht hat ja auch jemand gar keinen Teppich im Wohnzimmer.)

Noch schlimmer ist es, wenn diese Herz-Klopf-Blut-Tatsache über alles andere gestellt wird, die Fakten einer Geschichte (ja, auch bei Fantasy) aber nicht zueinander passen wollen. Oder offensichtlich etwas nicht beachtet wurde, ohne dass es dafür eine im Text verankerte, schlüssige Erklärung gibt. Die Erfahrung habe ich bei der Ausschreibung für die Kirchenburgen-Anthologie (und nachfolgende Romaneinreichungen) gemacht. Eine Wehrkirche kann zur Kirchenburg ausgebaut werden. Aber eine Stiftskirche hat trotzdem andere Ursprünge und kommt auch in anderen landschaftlichen Zusammenhängen vor. Und wenn der Autor noch so sehr für Großbritannien brennt – eine Wehrkirche im Herzen Londons …? Frankreich hätte wiederum gepasst.

Das gilt auch für Balletttexte. Manche Sachen gehen einfach nicht. Jemand kann zwar ein genialer Tänzer sein, aber um nach allen Regeln der klassischen Ballettkunst zu tanzen, braucht man eine jahrelange Ballettausbildung. Und wenn die Geschichte noch so schön ist! Da könnte noch Zauberei helfen, wenn es eine gute Erklärung dafür gibt. In anderen Fällen wurden wahre Marathon-Tänze aufgeführt mit Figurenkombinationen, die wahrscheinlich auch einem Nurejew und einer Fonteyn Knoten in den Beinen beschert hätten. Sorry, es las sich toll, ist aber in einem (realistischen) Romantext einfach nicht möglich.

Man merkt übrigens auch an anderen Stellen, ob ein Autor wirklich Ahnung von einem Thema hat oder einfach nur ein Umstand in eine Geschichte geklebt wurde, um sie „passend“ zu machen. In der Hinsicht bin ich gnadenlos, denn ich prüfe nach, was behauptet wird. (Deshalb dauert es manchmal etwas länger.) Das betrifft auch Menschen in anderen Ländern. Jedes „Volk“ hat seine Eigenheiten. Dass die meisten amerikanisiert dargestellt werden, halte ich für ein Ergebnis der amerikanischen Dauerberieselung. Aber so funktioniert das nur im Kino. Ich hingegen mag es, wenn ich überrascht werde oder dazulernen kann.

Fazit: Sollte jemand Cleopatra und Napoleon unbedingt in einer slawischen Kirchenburg aufeinandertreffen lassen wollen, dann will ich dafür eine hieb- und stichfeste Begründung haben. Alles andere fällt im wahrsten Sinne des Wortes unter meinen Schreibtisch.

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6 Antworten zu “Wie ich’s gern hätte: Recherchen. Bitter nötig!

  1. Ich bin geschockt! Geschockt!
    Ich dachte immer gute Ideen kommen vom lesen von Texten und den entsprechenden Reizen aus der Umwelt die dann alles in ein großes ganzes Zusammenschweißen!

    Na gut, oder so ähnlich *kichert*

  2. Der letzte Satz macht mich stutzig! Soll ich etwa mit meiner aktuellen Geschichte aufhören, nur weil die Protagonisten sich nicht mehr wehren können, weil ich „ein wenig getrickst“ habe? Gottlob nicht! Lässt sich alles erklären. Schwein gehabt! Dann kann ich nur unter anderen Umständen untern Tisch auf den Hundehaarteppich fallen!
    Nein, im Ernst, gute Erklärungen sollte der Text schon hergeben, sonst wandert der Weihnachtsmann plötzlich im vollen Ornat durch die Wüste auf der Suche nach einem Kamel namens Jesus Christ Superstar … Aber vielleicht finde ich dafür auch eine Erklärung!
    Aber: „Gut gebrüllt, Löwe!“

  3. Hat dies auf Erik Huyoff rebloggt und kommentierte:
    Richtig und wichtig! Als Liebhaber historischer Romane ist mir exakte Recherche sehr wichtig – und Fehler verzeihe ich nur ungern. Daher sollte ich bei mir auch die selben Maßstäbe anlegen 🙂

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