Verdammte Action! Die Kunst der Formulierung

Wie ich’s gern hätte!

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Damit komme ich unweigerlich auf das Problem der Handlungsabläufe. Es passiert etwas, das möglichst dicht dargestellt werden soll. Meist sieht das schriftlich so aus:

Rudolf schaute grimmig und drückte mit gekrümmtem Zeigefinger ab. Es gab einen lauten Knall. Reflexartig fuhr Renate herum und sprang auf die Straße. Dann rannte sie mit einer affenartigen Geschwindigkeit die Straße entlang. Rudolf folgte ihr und schoss noch einmal.

Renate schrie: „Du Mörder!“

Rudolf lachte grimmig.

(Häufigste Begründung für solche lieblosen Beschreibungen: Es läuft wie ein innerer Film vor meinem inneren Auge ab. Das lässt im wahrsten Sinne des Wortes tief blicken.)

Stellte man diese Situation in Bildern dar, also als Comic, wäre alles gesagt bzw. gezeichnet. Rudolfs Gesichtszüge wären eindeutig grimmig, der Knall würde mit „piff-paff“ oder „booouuum“ oder „pichiuuu“ (habe ich auch mal gesehen) dargestellt. Auf dem nächsten Bild würde eine Frau von einem Mann verfolgt („muhahahahahaaa!“), es gäbe Sprechblasen etc. (Man beachte den Konjunktiv.) Aber Autoren haben auf den ersten Blick keine Bilder. Sie verwenden Worte. (Oder man schult um auf (Hobby-)Grafiker.) Und es fällt Folgendes auf:

  • Für die (Comic-)Bilder steht nur wenig Raum zur Verfügung. Mit wenigen Pinselstrichen und akkurat eingesetzten Farben müssen in wenigen Kästchen Stimmung, Handlung, Erwartungshaltung etc. dargestellt werden.

  • Der Grafiker kann Stereotypen in Form von Symbolen verwenden, auf die der Leser reagiert, wenn er sie nur sieht, weil eine Kultur u. a. Symbole hervorbringt, die jeder kennt. Gesichtsausdrücke sind sogar international, da reicht es, wenn der Grafiker Besonderheiten einfügt. (Womit ich die Arbeit eines Grafikers auf keinen Fall schmälern will, ich habe einen Heidenrespekt vor den Meistern des Pinsels! Und das nicht nur, weil meine Menschen immer aussehen wie Erni & Bert aus der Sesamstraße.)

  • Autoren ist dagegen dank moderner Technik (fast) kein Limit gesetzt. Sie können sich, falls das Bedürfnis besteht, über 10 Seiten zu dieser Szene auslassen und so oft zu ihr zurückkehren, wie sie wollen (außer es gibt ein Zeichen- oder Seitenlimit). Es mangelt weder an Tinte noch Papier, bei der Darstellung solcher Szenen jedoch dem Schreiber offensichtlich an Geduld, denn wie soll man sich erklären, dass diese spannungsgeladene Szene so ungenau und mit dieser Kürze abgestraft wird?

Ich meine damit nicht, dass jemand etwas zu Tode formuliert und mittels Füllseln (da, jedoch, alldieweil, eigentlich, (ein-)mal, doch, noch, nicht, aber, wenn, nie, niemals …) einen Satz bis zur Unkenntlichkeit überlädt. Ja, im Deutschen spart man nicht an langen Sätzen, das ist nicht nur bei mir so. Aber ein Satz wird unverständlich, wenn man ihn mit heißer Luft (eben Füllseln) aufbläht. Statt jedoch nur den Handlungsablauf darzustellen, was wie in einem Schulaufsatz anmutet, könnte man einen Blick auf scheinbare Nebensächlichkeiten werfen, um Atmosphäre zu schaffen. Zum Beispiel so:

Rudolfs Atem kondensierte in der kalten Luft. Bar jeder Alternative, hob er langsam die Faustfeuerwaffe. Sein Finger krümmte sich um den Abzug. Renates Blick gefror auf der Mündung. Sie sah die Bewegung seines Fingers, die tiefen Kerben um seinen Mund, die seine ganze Verachtung für sie und den Rest der Welt ausdrückten.

Ihr Körper gehorchte eigenen Gesetzen, als sie wie auf Wolken, von Zeit und Raum entbunden, ihren Körper aus dem Gebüsch auf die Straße schweben ließ. Dumpf hallte der Atem der Unendlichkeit in der Häuserschlucht wider – war es der Schuss, Rudolfs Hass? Sie konnte es nicht identifizieren. Das widerliche Kreischen in ihren Ohren schwoll an, als die Gegenwart, die momentgenaue Abfolge der Sekunden, mit aller Macht zuschlug und sie vorwärts riss.

Renate rannte um ihr Leben.

Du Mörder!“, schrie sie.

Rudolf hatte nur noch sein grobes Lachen für sie übrig und setzte zum Endspurt an.

Diese Beispielpassage, die natürlich auch anders formuliert werden kann, soll verdeutlichen, dass dieser Szene etwas vorausgegangen ist, das sich mit dem Innenleben der Protagonisten beschäftigt und unweigerlich zu dieser Verfolgungsjagd führt. Warum schießt Rudolf auf Renate? Warum hasst er sie? Warum rennt Renate weg? Wieso ist sie überhaupt in diese Situation geraten? Hätte sie sich selbst davor schützen können? Wieso ist niemand in der Nähe usw. usf. Damit entsteht eine gewisse Spannung, die der Leser evtl. mittels Fortsetzen der Lektüre abbauen will (Ziel erreicht). Dazu kommen die Bilder, mit denen ich als Autorin in dieser Szene Zeit, Emotionen und Geschwindigkeit verbinde. Es bedeutet ein bisschen Frickelei, diese Bilder herauszukriegen (und das auch zu wollen, denn man gibt damit etwas von sich preis) und sie so zu formulieren, wie ich es noch nirgendwo gelesen habe (womit wir wieder bei der Recherche in alten Texten wären). Vielleicht habe ich auch früher etwas entdeckt, das mir gefallen hat, das sich gut mit anderen Oberbegriffen / Bildern / Eingebungen verbinden lässt. Manchmal finde ich meine Bilder nichtssagend, aber oft freue ich mich, wenn mir etwas Neues (?) einfällt.

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5 Antworten zu “Verdammte Action! Die Kunst der Formulierung

  1. Wir sind der Meinung, dass des ach zu langen Beschreibens die knackigkeit eines kurzen Satzes fehlet.

    Sprich: Je nach Einsatzzweck kann eine lange Beschreibung ein Actionkiller sein *zwinker*

    • … man beachte den Zusatz: … könnte besser formuliert sein …
      Sehe ich übrigens auch so. Mir ist nur auf die Schnelle nicht eingefallen, wie man Action, Inhalt und Tiefgang ins Überraschungs-Ei packen könnte, sind schließlich drei Sachen auf einmal. Gibt’s einen Vorschlag aus der Katzenecke?

      • Action, Inhalt und Tiefgang in einem *grübel*

        Die rot gestreifte Mietzekatze liegt im Felde auf der Lauer. Dort, so denkt sie sich, würde es heute das Abendmahl geben. Elegant harrt das fellige Wesen mit angespannten Sehen auf die Bewegung. Zugleich zucken die Ohren bei jedem Verdächtigen Geräusch hin und her. Und dann ist es so weit! Nur eine minimale Farbänderung in der finsteren Nacht ist alles was die Mietze braucht! Mit einem mal explodiert die Katze in Bewegung, springt nach vorne und schnappt die Maus blitzeschnell, drückt die Beute mit ihren Pfoten auf den Boden und beißt zu.
        Das Abendessen ist serviert.

        Hmm… vielleicht nicht ganz Ideal.

      • Man kann den Stift ja noch mal ansetzen.
        Wobei ich die „explodierende Katze“ recht herzig finde. Kopfkino 🙂
        Außerdem wollte ich ja sagen, dass man sich Zeit nehmen soll für solche Szenen. Feilen kann man dann, so viel man will.

      • Ich persönlich schreibe in Actionsequenzen eher weniger Beschreibungen ein. Das ist eher der Punkt wo ich mit kurzen Sätzen arbeite. Als wäre es ein Actionfilm…
        Hmmm… da bahnt sich wieder ein Beitrag an ;3

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