Selfpublisher: Habt Mut zur Lücke!

Wie ich’s gern hätte!

Vor einiger Zeit traf ich einen Autor, den ich hier stellvertretend für eine ganz bestimmte Spezies der Hobbyautoren einsetze. Er verkündete stolz, er hätte demnächst eine Lesung in einer angesehenen fränkischen Lesebude. Dort würde er aus seinem 600-seitigen Werk vortragen, das er im Selbstverlag, oder Neudeutsch: als Selfpublisher herausgebracht hätte.

Ich finde Leute, die sich dafür entscheiden, ihre Freizeit mit der Schreiberei zu verbringen, grundsätzlich erst mal toll. Bis man Anerkennung mit der „Literatentätigkeit“ erntet, kann eine Weile ins Land gehen, was nicht nur daran liegt, dass es so viele Hobby-Autoren gibt, sondern wohl auch damit zu begründen ist, dass es in dieser Branche nicht besonders, nun, freundlich zugeht. Zudem ist es immer wieder begrüßenswert, wenn sich jemand mit Sprache beschäftigt und sie somit am Leben hält.

Der in den letzten Jahren von Medien und Beteiligten inszenierte Kleinkrieg zwischen Selfpublishern und (Klein-)Verlegern ist inzwischen auch auf ein erträgliches Maß zurückgedrängt worden. Die Veränderungen in der Buchbranche sind so gravierend, dass die beteiligten Parteien sich diesen Krieg nicht mehr leisten können und sie es künftig schwer haben werden, sich mit ihren Texten Gehör zu verschaffen oder gar davon zu (über-)leben. So was eint. (Übrigens hat Roald Dahl schon vor Jahren eine entsprechende Geschichte über einen Autor geschrieben, der genötigt war, einen Vertrag mit einer Firma zu unterschreiben, die sich mittels einer Maschine den weltweiten Literaturmarkt einverleibt hat. Wie hieß die Kurzgeschichte doch gleich? „Die Literaturmaschine“? Und warum sehe ich Parallelen zur Gegenwart?!)

Wobei: Die nachwachsenden Selfpublisher, die ich nach wie vor unerhört mutig finde, gerade weil der Markt so schwer einzuschätzen ist, kommen mir manchmal seltsam kurzsichtig vor. 600 Seiten, boah, was ein Klopper! Aber sind die wirklich nötig? Oder kommt der komplette Schinken nur auf den Markt, weil es geht, weil „man“ es für wenig Geld realisieren kann?

Es gibt Werke – und dazu gehört auch das des o. g. Stellvertreterautors – denen man anmerkt, dass da jemand Masse statt Klasse schreiben wollte und das auch umgesetzt hat. Da werden mit aller Gewalt Nebenhandlungsstränge konzipiert, unmotivierte Probleme projiziert, schwerfällige Katastrophen à la Deus ex machina (der reitende Bote) eingefügt – und man weiß sofort: Da hat jemand eine leere Stelle im Skript unnötigerweise überbrückt. Weil er es kann. Oder meint zu können.

Ich lasse das Ende jetzt mal offen und demonstriere damit das Thema, das in der Fortsetzung aufgegriffen wird: Vertane Chance?

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9 Antworten zu “Selfpublisher: Habt Mut zur Lücke!

  1. Hat dies auf Nekos Geschichtenkörbchen rebloggt und kommentierte:
    Quantität statt Qualität. Ich persönlich bin mehr auf Qualität… hab ne leicht prefektionistische Ader. *schmunzelt*

  2. Das ist eine nicht ganz treffende Analyse.
    Für Selfpublisher, je nach dem, für welchen Vertriebsweg sie sich entscheiden, ist ein dickes Buch kein Vorteil. Gerade dann ist ein regulärer Verlag die bessere Alternative.
    Warum?
    Ein dickes Buch, wird auch im Selbstverlag schnell teuer. Da wird der kritische Leser vorsichtig mit seinen Euronen. Dazu kommt ein wesentlich höherer Betrag für ein (nach meinem Geschmack) nötiges Lektorat/Korrektorat.
    Was zu einem teuer erstellten Buch führt, welches zu teuer ist, um noch verkauft zu werden.

    Auch der Gedanke, den Mainstream zu verlassen, um als Selbstverleger über neue Wege neue Leser zu finden, hinkt.
    Die Leser sind ziemlich konservativ und, wenn sie einem, dieser oft diskredierten Selbstverleger, ein Buch abkaufen sollen, dann doch besser eines mit einer vertrauten Thematik.
    Wünschenswert ist dieser Schritt. Aber auch doppelt schwer.

    • Danke für diesen ausführlichen Kommentar! Die Problematik stellt sich genauso auch Verlegern, man mag es kaum glauben. Deshalb wäre es ja wünschenswert, wenn sich mehr Selfpublisher – wie Verleger – zum dünnen, aber guten Buch durchringen könnten. Und dass nicht nur wenige mitmachen. Damit man auch als Verlegerin mal wieder dünne Bücher herausbringen kann, ohne dass sie übersehen werden.

      • Um das zu erreichen, müsste man ganz schnell, ganz viele Schreibratgeber umschreiben, die alle viel TamTam machen mit „Show don´ tell“ und Ähnlichem., Das bringt Kopfkino aber überbläht oft den Text.
        Da gibt es viel, was von Autoren gefordert ist, das dem Buch selbst nicht gut tut.
        Deshalb bin ich Selfpublisher geworden. Ich schreibe, wie ich es gut finde und es mir Spaß macht. Wird das Buch dick, muss ich mir überlegen, wie es zu finanzieren ist. Wird es dünn, war mehr, wohl nicht zu sagen.
        Kein Expose, keine Stilforderung, überhaupt keine Forderung.
        Spaß am Schreiben und Hoffnung gelesen zu werden.

        Aber Dir als Verlegerin wünsche ich das dicke/dünne Buch, welches viele Leser findet.

        Das Miteinander wäre so viel schöner!

  3. Da hat sie wieder ihre Keule geschwungen, die werte Verlegerin. Auch sie reiht sich in die Heerscharen Verleger ein, die dank „Print on Demand“ (Anbieter gibt es ebenso viele, scheint mir) Kleinautoren eine Chance geben wollen – manchmal können sie es auch. Eigentlich geht nichts ohne einen Verleger, der – wenn nicht in Personalunion – den Lektor und Korrektor gleich mitbringt. Er hält dem „Schreiberling“ den Rücken frei, damit der Dolch, den er in der linken Hand hat auch sein Ziel nicht verfehlt. Ein gutes Buch zu schaffen! Für das Skript zeichnet der Autor, für das Buch der Verleger. Im besten Fall kommt dabei ein Werk heraus, das gerne gelesen wird. Von Einem oder Millionen.

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