Selfpublisher: Vertane Chance?

Wie ich’s gern hätte!

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Ja, ich weiß, ich drohe wieder in Lästerei abzugleiten, und dafür entschuldige ich mich (mit halbem Herzen, es macht einfach zu viel Spaß, die Lust an der Formulierung, ihr wisst schon). Aber wenn man sich schon von allen vermeintlichen Zwängen freigemacht hat (was ist ein Verlag ohne Autor, sagt es mir?), dann ist es doch blödsinnig, sich diese Freiheit wieder mit Handlungsleerlauf und dumpfen Formulierungen zu versauen, nur um den Text zu strecken. Da ist doch niemand im Hintergrund, der einem vorgibt, wie viel und was man zu schreiben hat, wie es bei Auftragswerken (über 90 % der Verlagsneuveröffentlichungen) der Fall ist. Wieso um alles in der Welt stellt der Selfpublisher sich dann genau dieses Bein selbst? Auch, weil er es kann? Oder weil es nicht mehr kostet?

Ich denke, die Selfpublisher kennen ihre Macht, aber nur die wenigsten wissen sie anzuwenden. Ein Selfpublisher ist so was wie ein privater Kleinverleger. Er hat sich mit der Übernahme der Verantwortung seines Textes eine große Sache vorgenommen, die er nicht mit der schieren Masse an Text bewältigt. Es kann auch sein, dass er oder sie einfach nur mal „viel“ schreiben wollte, Thema abgeschlossen. Aber ich denke, es steckt noch etwas anderes dahinter, das ich bereits im letzten Post angerissen habe.

Selfpublisher können viel schreiben, weil sie nur einen und nicht mehrere Text veröffentlichen müssen, was das finanzielle Gesamtrisiko verringert. Sie haben den Markt in den letzten Jahren von der relativ sicheren Seite beobachtet und messerscharf geschlossen, dass das Leserverhalten in Richtung „dicke Bücher für wenig Geld“ geht. Dieses Konzept verfolgen schließlich auch viele mittelständische und große Verlage und haben damit anscheinend Erfolg. Und sogar die PoD-Dienstleister richten sich inzwischen danach. Aber muss es deshalb wirklich der selbstverlegte Superschinken sein, mit dem man solide Hausmauern bauen kann? Und was unterscheidet letztlich den „moderneren“ Selfpublisher von den „bösen“ Verlagen, wenn er ganz offen deren Konzepte kopiert?

Mein Fazit: Die Selfpublisher verschenken viel von ihrer Macht mit Leerlaufliteratur, die sich meiner Meinung nach zu stark an den Mainstreamvorgaben der großen Verlage orientiert. Sie könnten dem Buchmarkt eine neue inhaltliche (und wirtschaftliche!) Richtung geben, wenn sie sich denn trauten und gegen den Lese-Schinken-Trend angingen. Kleinere Werke mit mehr Inhalt, über den eigenen Tellerrand recherchiert, und vielleicht auch mit ganz neuen Themen, die nicht nach Zauberinternat oder Männergruppenwandertag klingen, wären toll. Oder sie beschließen, falls es sich um die 100.000 Neuerzählung eines Bestsellerromans handelt („Ich weiß, dass es Ähnlichkeiten mit Tolkien und Rowling aufweist, aber ich erzähle die Geschichte mit anderen Facetten ganz neu“) und der Verfasser es offensichtlich weiß, den Text in seiner ganzen Schönheit in der Schublade zu lassen und ihn als Zwischenstation für den Meistertext zu sehen, den man, irgendwann vielleicht, verfasst. Das wären echte Macht, das wäre Kunst.

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18 Antworten zu “Selfpublisher: Vertane Chance?

  1. Hat dies auf Nekos Geschichtenkörbchen rebloggt und kommentierte:
    Nur wer wagt gewinnt!

  2. Interessanterweise sind diese ewig gleichen Schinken auch ein Grund warum ich selbst was veröffentlichen möchte.
    Kann doch nicht sein, dass Alles und Jeder immer nur dieselben Themen für Bücher benutzen.

  3. Diese dauernden Wiederholungen entstehen wahrscheinlich auch deshalb, weil es den Verfassern gar nicht um das Buch und die Schreiberei geht, sondern darum, Ruhm & Reichtum einzufahren. (Jajaja, das gibt keiner zu. Aber wenn man lang genug fragt, heißt es irgendwann: „Ich weiß ja, dass man von der Schreiberei nicht leben kann, aber …“ Auffällig, oder?)

  4. Es gibt immer und überall Menschen, die auf Trends aufspringen. Manchmal soll es ja sogar funktionieren – ich stelle es mir aber sehr stressig vor – und ziemlich langweilig…

    Man muss andererseits natürlich auch mal betrachten: Wenn man sich durch Jahrhunderte literarischen Schaffens wühlt und dabei bedenkt, dass einiges im Laufe der Zeit verloren ging, so wird es kaum noch möglich sein etwas „völlig Neues“ zu erschaffen. (Was noch immer kein Grund ist eine billige Kopie zu erstellen.)

  5. Das stimmt. Eigentlich nicht wie Gartenzwerge sammeln, sondern schlimmer. Heutzutage will die ja kaum noch jemand 😉

  6. Es gibt lange Geschichten, die gut funktionieren und ihren Platz in der Literatur haben, das achte Leben für Prilka aus dem vergangenen Jahr hatte 1200 Seiten. Die wirtschaftliche Devise lautet: viel hilft und ist viel! Das stimmt natürlich nicht. Aber wie kommt man bei diesem lauten Trend zu kurzen, mitklangen und langen Geschichten, die angemessen sind und ihren Platz in der literarischen Welt zu recht finden? Verlage und Selfpublisher haben es mit diesen Trends wohl gleichermaßen schwer.

  7. Keine Ursache! Ob Literatur Lesefutter als Häppchen oder das große Fressen zu sein hat, quatscht Autoren, Verleger und Leser gleichermaßen bis in den Wahnsinn. Und keiner findet Maß und Ziel. Und jeder fühlt sich auf den Schlips getreten. Ich hatte da mal eine Diskussion mit einer Verlegerin, die 391 Seiten für ein Buch für auf jeden Fall zu viel hielt. Sie hatte aber nicht einen müden Blick in die Geschichte geworfen. Diese Grabenkämpfe auf Nebenschauplätzen der Literatur sind überflüssig, bringen die Literatur nicht voran und führen in gewisser Weise zu dem, was die Biologen Angstwuchs nennen. Dabei kommt es dazu, dass Pflanzen in Notzeiten unnötig viele Triebe austreiben und sich damit selbst nachhaltig schwächen.

    • … sich selbst nachhaltig schwächen – hm! Stimmt irgendwie auch für diese Branche. Wobei ich mich schon seit Jahren wundere, dass sich kein Psychologiestudent findet,der diese Diskussionen mal gruppendynamisch unter die Lupe nimmt. Wäre bestimmt interessant.

  8. Oh, wie wahr! 😉
    Alles erdenklich Gute für den Verlag und die einzelnen Buchprojekte! 🙂

  9. Hat dies auf Glück ist für den Augenblick ein kleines Stück rebloggt und kommentierte:
    Ich weiß schon, warum ich warte und der „Schinken“in der Schublade abhängt. Und nebenbei: die „kleinen Dinger“ sind viel leichter zu schreiben, zu verlegen (nicht in den Tiefen der Schublade) und derzeit besser an den Leser zu bringen. (Das aber möglichst mit einem Verlag – groß oder klein(st). Dann hat der Autor wenigstens einen „Dritten“, auf den er schießen kann, wenn das Buch am Ende in der „Ablage P der Leser“ landet. Ungelesen, versteht sich.
    Andererseits tun sich Verlage schwer, neuen Autoren eine Plattform zu bieten. Sie machen lieber Bücher, die man kauft, weil sie XY geschrieben (unterschrieben) hat. Schade. Der Vielfalt im Buchhandel täte ein Umdenken gut. Der Leser profitiert davon, er hat eine bessere Auswahl – und damit ein größeres Lesevergnügen.

    • Bitte nicht vergessen: Ein Verlag ist ein Wirtschaftsunternehmen. Wenn der Rubel nicht rollt, gibt es gar keine Bücher. Das macht es schwierig, die Balance zwischen Bewährtem und Neuem zu halten. Aber unter uns gesagt: Es gibt viele Autoren, die mit den seltsamsten Texten ankommen, von denen man schlichtweg weiß, dass sie nicht ankommen werden, und wenn der Autor 100 Freunde vorweisen kann, dass der Text toll ist. Aber 100 Freunde sind eben keine 100 Fremde, die letztlich bestimmen, was funktioniert. Sie sehen ja gerade selbst, wie interessant es sein kann, eine Anthologie unters Volk zu bringen – und Sie denken inzwischen ja auch schon viel unternehmerischer als früher. / Was Selfpublisher aber inzwischen auch gern machen: Wenn sie sehen, dass ihr Buch nicht läuft, wenden sie sich an einen Verlag. Meine Kollegen und ich wundern uns wöchentlich mehr, wer erst gebasht hat und jetzt plötzlich vor lauter Bücklingen keinen geraden Satz mehr herausbekommt. Die Schadenfreude sei uns bitte gegönnt … 🙂

  10. Ich gönn‘ Euch alles! Nebenbei: ich bin nicht nur Autorin, meine kaufmännische Ausbildung (Buchhalterin) schreibt immer mit! Deshalb habe ich an mich als Autorin auch ebenso große Ansprüche wie an meine „Buchhalterseele“ – ich will nicht nur Bücher schreiben, sondern sie auch verkaufen – am Ende mit schwarzen Buchstaben und eben solchen Zahlen ….

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