Körperlogik: Lustige Formulierungen Teil 1

Wie ich’s gern hätte!

Dieser Miniausflug in die Physiognomie des Menschen soll euch demonstrieren, warum ich das Erstlektorat manchmal so erheiternd finde. Hier kommen ein paar Perlen, die jeder von uns hegt und die sich einfach nicht ausrotten lassen. Ich möchte euch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ihr in den nächsten Absätzen viel über mein Kopfkino zu lesen bekommt. Der Einfachheit halber verwende ich die dritte Person, Singular, maskulin. Der Leser möge sich die feminine Form dazudenken.

  1. Er blinzelte / zwinkerte mit den Augen. Ich habe lang versucht, für diesen Vorgang einen anderen Teil meines Körpers zu aktivieren. Nichts half, am Ende flatterten immer meine Augenlider. Es reicht, den Protagonisten blinzeln oder zwinkern zu lassen. Mit welchem Körperteil es geschieht, weiß der Leser dann schon. – Etwas anderes ist es, wenn jemand das Auge zukneift. Steht das Auge nicht dabei, bleiben nicht viele Alternativen, um die Handlung des Kneifens im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Das kann aber, falls der Leser sich die entsprechende Körperregion dazudenken muss und gerade seine „funny turn“ hat, wie die Briten sagen, im wahrsten Sinn des Wortes nach hinten losgehen. Apropos: Mir ist in einem Text einmal ein Einäugiger begegnet, der sein Auge zukniff und dann an die Decke starrte.

  2. Er winkte mit der Hand. Oh doch, auch ein Fuß- Kopf- oder Beinwinken ist möglich! Interessanter wäre zu erfahren, wie der Protagonist winkt: schüchtern, hektisch, nachlässig …
  3. Er nickte mit dem Kopf. Sehr beliebt, sehr überflüssig und inzwischen auch in den Erzeugnissen großer Verlagshäuser zu finden, obwohl die sich noch richtige Lektoren leisten können. Ich schiebe es auf die Hektik, die in diesen Abteilungen herrscht, weshalb einem das „Nicken mit dem Kopf“ schon mal durch die Lappen gehen kann. Aber nicken ist an einen Körperteil gebunden, den man schreibtechnisch nicht gesondert hervorheben muss. Sollte es doch jemand hinbekommen, mit dem Hals, dem Fuß, dem Rücken oder gar der Milz zu nicken, freue ich mich über Foto- oder Filmbelege.
  4. Er schmatzte mit dem Mund. Was soll ich sagen? Das Schmatzen ist beim Menschen im ersten Moment immer mit dem Mund verbunden (s. zwinkern und blinzeln). Es gibt aber Menschen und wahrscheinlich Protas, die z. B. unter Verwendung der Achselhöhle ein Schmatzen erzeugen können. Sicher kennt ihr auch das Geräusch, das entsteht, wenn man die Wangen oft und schnell auseinander zieht – was mir spontan einfällt, wenn ich lese, dass jemand mit dem Mund schmatzt. Hier läuft das Kopfkino mit doppelter Geschwindigkeit ab – weniger Beschreibung ist aus meiner Sicht auf jeden Fall mehr!
  5. Er pfiff mit dem Mund: Ja, ich weiß, ich bewege mich stilistisch auf dünnem Eis. Jedoch haben gerade diese ganzen Körpergeschichten immer einen zweideutigen Anklang … Also, der Mensch pfeift mit dem Mund, weil es dafür keine andere Körperöffnung gibt, die den gleichen Ton hervorbringt. (Kopfkino?) Wenn jemand auf dem letzten Loch pfeift, ist das wiederum ein Idiom, dem man nichts zerstückeln sollte, weil es dann falsch wird. Wenn hingegen dasteht: „Ihm pfiffen die Ohren“, dann handelt es sich a) ebenfalls um ein Idiom und b) um eine, nun, Aktion der Ohren, die völlig mundlos erfolgt. (Das Pfeifen entsteht eigentlich auch nicht in den Ohren, sondern rührt von den Stürmen, die ab und an durchs Gehirn fegen, aber das nur am Rande.) Alles in allem eine aerophile Sache, die man aber nicht übertreiben darf, wenn es den Schreiber nicht über den Rand des Schreibtischs wehen soll. Kurz: „Er pfiff“ reicht.

Heute Abend geht es hier weiter: Körperlogik Teil 2

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Eine Antwort zu “Körperlogik: Lustige Formulierungen Teil 1

  1. Man kann natürlich auch mit der Trillerpfeife oder auf den Fingern pfeifen …

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