Recherchieren und sortieren Teil 1: Heavy Erkenntnis

Wie ich’s gern hätte!

Manchmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen – letztens war wieder so ein Tag. Und zwar weiß jeder, der sich schon mal mit mir eingelassen hat, dass ich ganz versessen bin auf inhaltliche Details. Das kann schon mal so aussehen, dass ich von Autoren Recherchen geradezu fordere, wenn sie sich auf eines meiner Spezialthemen, Tanz oder Rumänien / Siebenbürgen, einlassen. Hin und wieder wurde Unmut bekundet, was die Recherche betrifft, was aufgrund der Menge an Arbeit, die sie mit sich bringen kann, nachvollziehbar ist. Bis ein Schreiber die Arbeit hinschmiss und meinte: „Ich habe aber keine Lust, meine Protas immer nur siebenbürgisches Weihnachten feiern zu lassen und in Erinnerungen zu schwelgen!“ Anm.: Wenn man die Siebenbürger-Seiten durchgeht, hat man nach einer Weile tatsächlich das Gefühl, dass dort nur „geschwelgt“ wird. Das stimmt natürlich so nicht: Viele Mitglieder sind inzwischen einfach im „Schwelgealter“. Die jüngeren Mitglieder finden im Brauchtum Abwechslung vom Alltag oder verbinden damit ebenfalls Erinnerungen, die sie festhalten wollen, weil sie wichtiger Bestandteil ihres Lebens sind. Letztlich tun sie das, was wir mit den Erinnerungen an unsere Schulzeit oder Kindheit o. a. machen: Wir halten sie am Leben, indem wir sie so farbig wie möglich ausmalen, weil sie Teil unserer persönlichen und kulturellen Identität sind und somit essentiell. Dass man als Außenstehender davon genervt sein kann – bitte, das ist wohl einfach so. Bleibt die Frage, wie der Außenstehende selbst auf die „anderen“ wirkt …

Jedenfalls: Die mit dieser Erinnerungs- und Kulturpflege einhergehende scheinbare Verbrämung der Vergangenheit ist mir nicht klar gewesen. Damit erklärt sich mir auch die Aussage eines anderen Autors, dass er dieses „Mir-san-mir-Gehabe“ nicht ausstehen kann, wie es u. a. auch „den Bayern“ vorgeworfen wird. (Wie es zum „Wir-sind-wir“ gekommen ist, konnte man übrigens 2011 in der bayerischen Landesausstellung über König Ludwig erfahren. Jahaaa, Museen machen schlau …)

Deshalb hier noch mal lang und breit, wie m. E. ein inhaltlich guter Text funktioniert:

Ich verlange definitiv nicht, dass in jeder Geschichte Weihnachten auf Siebenbürgisch gefeiert wird oder jeder bis ins kleinste Detail weiß, was der Kathreinenball ist (wobei dieses Wissen nie schaden kann, weil diese herbstliche Tanzveranstaltung richtig Spaß macht). Ich möchte auch nicht, dass man auf jeder zweiten Seite über eines der zahlreichen Feste stolpert oder die Trinksprüche auf Hochsiebenbürgisch zitieren kann oder weiß, von wem in welcher Reihenfolge die Hochzeitsgeschenke gereicht werden. (Gleichwohl wird man in einem Text über Deutschland nicht immer etwas über den 2. Weltkrieg lesen.) Alles Nippes! Aber man sollte als Autor schon mal davon gelesen haben, wenn man etwas über diesen Teil Rumäniens schreiben will, weil – Achtung, jetzt kommt’s:

All diese scheinbar unwichtigen Details prägen die Menschen, die dort lebten und leben. Zudem lassen sich aus diesem Detailwissen Ereignisse schaffen, die einer Geschichte eine unvermutete Wendung geben können.

Beispiel 1: In Deutschland gibt man sich zur Begrüßung die Hand. Japaner verbeugen sich, je nach Rang des Gegenübers mal tiefer, mal weniger tief. Warum ist das so? Weil hinter jeder Begrüßung eine komplette kulturelle Entwicklung steckt. (Tadaaa, denkt sich jetzt mancher, das weiß ich doch alles.) Das Wissen, das der Autor aus diesen Recherchen ziehst, ist die Basis, um Protagonistenprofile zu entwickeln, die sich dann, sagen wir mal, landesgemäß verhalten und für den Leser auch Überraschungen bergen.

Später geht’s weiter mit Teil 2: This is not Hollywood

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5 Antworten zu “Recherchieren und sortieren Teil 1: Heavy Erkenntnis

  1. Na, dann hätte ich mir ja gar keine Sorgen machen brauchen. Man darf auch nicht vergessen, dass sich dort in den letzten 25 Jahren viel geändert hat. Als Außenstehender so viel zu recherchieren, dass man mitreden kann, als ob man ein Insider sei, ist meines Erachtens nicht möglich. Sich in der Geschichte auskennen und mit Bräuchen auseinander setzen natürlich schon. Hat man dann eine gute Geschichte und die Lektorin bügelt die letzten Fältchen aus und findet letzte Unstimmigkeiten, dann sollte es doch klappen mit dem Manuskript, auch als nicht-Siebenbürger Sachse. Eventuell bringt es doch, da gemäßigt, auch Vorteile und der Leser wird nicht vom ‚wir sind wir‘ erschlagen. Denn der Leserkreis im Siebenbürger Sachsen-Umfeld wird begrenzt sein.

  2. Pingback: Ziemlich verzettelt: Man kann’s auch übertreiben! | Wenn Tinte aus den Fingern fließt...

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