Fegefeuer: Abschied von den Protas

FegefeuerWerkstattbericht 4. September 2015, die 2.

Noch bin ich voll in „Fegefeuer“ drin, alles, was darin passiert, ist irgendwie so natürlich Teil meiner Gedankenwelt, meines Alltags – genau wie die Trennung von meinem Ex. Aber ich frage mich, wie ich die Story empfinden werde, wenn ich sie vielleicht mal in ein paar Jahren mit etwas Abstand zu meiner aktuellen Lebenssituation lese. Ich glaube, ich werde sie nie so unbedarft lesen können wie meine anderen Texte, denn mit so vielen Szenen sind ganz heftige Erinnerungen verknüpft. Da ist zum Beispiel die Szene, in der Desiree und Sergej sich verkrachen. Die habe ich an dem Abend geschrieben, als ich gemerkt habe, dass etwas in meiner Beziehung nicht stimmt. In diesem Moment fiel mir keine pfiffigere Lösung ein, als mich an meinen Schreibtisch zu verziehen, mich übelst mit Rotwein volllaufen zu lassen, komplett in „Fegefeuer“ abzutauchen und mir dabei immer zu sagen, dass alles halb so wild ist, ich mich jetzt ein bisschen ablenken muss, um zur Ruhe zu kommen, und dann morgen bestimmt alles nicht mehr so übertrieben dramatisch sehe. Verdrängung at it´s best. Gebracht hat es natürlich nichts (außer einem hoffentlich guten Text).

In der Szene, in der Desiree mit Vico im Görlitzer Park verabredet ist, trödelt sie herum und denkt, dass ein paar unbeschwerte Minuten das einzige Geschenk sind, das sie Vico je machen wird. Genau das war beim Schreiben auch meine Situation: Ich wollte meinen Ex auf einen wichtigen Konfliktpunkt ansprechen und wusste, dass ich damit für die nächste Zeit unseren Alltag in eine Hölle verwandle, vielleicht sogar unsere Beziehung in Schutt und Asche lege. Deswegen wollte ich erst diese Szene zu Ende schreiben. Ich habe mir beim Schreiben vorgestellt, wie er friedlich dasitzt und dachte, dass diese letzte ruhige Zeit, bis ich die Szene fertig habe, quasi mein Geschenk für ihn ist, als Dankeschön für 15 glückliche Jahre, ehe das große Chaos ausbricht.

Das Kapitel „Premiere“ habe ich versucht, unmittelbar nach der Trennung zu schreiben, während in meinem Kopf ein einziges Tohuwabohu herrschte. Der Gedanke, dass ich jetzt irgendwie diese Szene fertigschreiben muss, hat mich aufrechterhalten, war mein Leitseil in all den Wirrnissen. Am scheußlichsten ist für mich die Szene, in der Desiree im Valeska-Gert-Theater erschreckt wird: Die ist in der letzten Nacht, die er noch hier verbrachte, entstanden, als bereits klar war, dass er am nächsten Tag für immer fortgehen wird. Ich wollte in dieser Nacht nicht schlafen, sondern neben ihm sitzen und jede einzelne Minute, die er noch bei mir ist, auskosten, wünschend, der Morgen möge nie heraufdämmern und ihn mir entreißen. Weil dies alles so unerträglich war, habe ich mir zwischendurch meinen Laptop gekrallt und an „Fegefeuer“ weitergeschrieben – ohne auf den Monitor oder die Tastatur zu schauen, mein Blick war nur auf den schlummernden Bald-Ex gerichtet. Fragt mich nicht, was ich da in die Tasten gehauen habe, ich weiß es nicht. Ob es halbwegs brauchbar ist oder ob ich das Kapitel komplett in die Tonne kicken kann, werde ich im Lektorat erfahren. Fokken.

In dieser Nacht dachte ich immerzu, dass wir nie wieder so vertraut miteinander sein werden wie in diesen Momenten, da er ruhig vor mir schläft – und genau das gleiche denke ich jetzt über „Fegefeuer“: Der Text ist nicht irgendwie nebenbei entstanden, sondern ist untrennbar mit dieser ganzen Trennungsgeschichte verwoben, und noch ist alles so nahe, so vertraut, so sehr Teil meines Selbst. Aber wie werde ich in ein paar Monaten oder Jahren darüber denken? Will ich mich dann noch so genau an einzelne Momente der Verzweiflung erinnern? Werde ich „Fegefeuer“ überhaupt jemals wieder lesen? – Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.

Adieu, „Fegefeuer“. Wir werden einander nie wieder so vertraut sein wie heute Nacht, da ich alleine mit einem Glas guten Rotwein an meinem Schreibtisch sitze und mir selbst auf die Vollendung des Manuskripts zuproste.

E-Book, ca. 200 Seiten, ISBN 978-3-940582-74-4, 2,99 €

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