Adieu Verlag: Blöd biste …

… meinte eine Bekannte. „Dass du die ganzen Business-Strukturen einfach in die Tonne kloppst!“

Ich gebe zu, es ist eine Menge Idealismus dabei … Aber ich haue ja die Erfahrungen, die ich in den letzten neun Jahren als Verlegerin gemacht habe, nicht komplett weg. Und weil ich von Natur aus trotz aller Unternehmungslust vorsichtig bin – unter uns: Ich bin ein Schisser, wie er im Lehrbuch steht – habe ich vor dem ach so großen Schritt ausprobiert, wie es, verglichen mit 2007, heute als Selfpublisher so ist.

Als Print-on-Demand vor 10-15 Jahren im deutschsprachigen Raum bekannt wurde, hätte man sich auch mit der blanken Rückseite in ein frisches Brennesselfeld setzen können. Der Effekt wäre ähnlich schmerzhaft bzw. ernüchternd gewesen. Was war man damals noch verpönt als „DKZV-Autor“ oder „Schmierfink“. Damals galt die Devise: Wer bei BoD veröffentlicht, wird nicht rezensiert. (Echt jetzt!) Es ging soweit, dass hobbyliterarische Zeitschriften auf ihrer Kontaktseite vermerkten, was sie mit BoD-Büchern machen: „BoD- und andere DKZ-Machwerke landen unbesehen im Papierkorb.“ Wenn man als ambitionierter Schreiberling ernstgenommen werden wollte, blieb fast keine andere Möglichkeit, als sich erst einen Gewerbeschein und dann einen ISB-Nummernkreis zu besorgen, wenn es mit den großen Verlagen nicht klappte. Und alles nur wegen der Firmierung. DAS war blöd, und zwar so richtig.

Heute isses – was soll ich sagen? – geradezu paradiesisch. Die Zeiten, wo man ganze Nächte vor dem flimmernden Röhrenbildschirm verbrachte, um das schriftstellerische Herzblut hochzuladen, sind so ziemlich vorbei. Mit dem Ansturm aufs Internet wurden die Kapazitäten und die Hardware so aufgehübscht, dass man wirklich nur noch ein paar Klicks vom eigenen Buch entfernt ist. Gerade vor zwei Stunden habe ich eine Selfpublisher-Plattform ausprobiert. Die Verlegerin in mir erwachte kurz aus ihrem Dornröschenschlaf und nickte zufrieden. So schnell und sauber ist sie es von den gewerblichen Distributoren auch gewöhnt. Die ISBN gibt’s gratis dazu und die E-Books sind trotzdem überall bei den großen Buchhändlern gelistet. Wenn das mal kein Service ist …

Na gut, eine Sache gibt’s, die ist ein bisschen – na ja. Der Buchhandel hat immer noch Berührungsängste mit der Selfpublisher-Szene. Okay, Mitte der 2000er Jahre war viel Schrott unter den Titeln, welche die PoD-Selbstverleger damals herausbrachten, das hat die Anfangseuphorie verdorben. Aber die Selbstverleger haben sich nicht nur einen neuen Namen verpasst, sie gehen inzwischen auch professioneller vor, besuchen Seminare, vernetzen sich, bringen sich Fertigkeiten selbst bei und sind überhaupt irgendwie anders. Das sollte der Buchhandel langsam mal honorieren und ein bisschen mehr Farbe in die Regale bringen …

Wie? Genau das hätte ich mir als Ex-Verlegerin ja nun verscherzt? Öhm, nein. Absolut nicht. Weil nämlich Micro- und Kleinverleger ähnlich kritisch beäugt werden wie Selbstverleger, Verzeihung, Selfpublisher, und das schlägt sich in der Meinung der Internetgemeinde nach wie vor nieder:
Wer „klein“ verlegt, verlegt sich meist auch selbst, grob gesprochen, ist somit wohl auch immer noch irgendwie suspekt, weil qualitativ fragwürdig, egal wie viele Jahre dieser Verlag schon auf dem Markt ist.

Wie dem auch sei, bei mir keine Spur von „blöd“! Ich bin total relaxt und beglückwünsche mich nach wie vor zu dem Entschluss, den Verlag in den Winterschlaf geschickt zu haben.

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